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Rezension zu „Der (des)informierte Bürger im Netz“

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Für die aktuelle Ausgabe von M&K habe ich eine Rezension beigesteuert, nämlich von Wolfgang Schweigers Buch „Der (des)informierte Bürger im Netz. Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern“ – hier im Blog gibt es die Fassung mit Hyperlinks! :-)

In den letzten Jahren sorgten unter anderem die Debatten um Flüchtlingspolitik und die Geschehnisse in der Kölner Silvesternacht 2015/2016, aber auch die für viele Beobachter/-innen überraschenden Ausgänge des Brexit-Referendums und der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl für ein enormes Interesse an der Rolle, die soziale Medien mittlerweile im Gefüge der politischen Öffentlichkeit eingenommen haben. Neben solchen äußeren Anlässen motivierten wohl auch die hartnäckigen Nachfragen von Fachkollegen Wolfgang Schweiger dazu, die Überlegungen seiner Hohenheimer Antrittsvorlesung vom Januar 2015 weiter zu denken und zu einem gestandenen Buch auszuarbeiten. Von Seiten des Rezensenten vielen Dank für diesen kollegialen Druck, denn das Werk kommt, soviel kann dem Fazit schon vorgegriffen werden, zur richtigen Zeit – auch wenn es damit leben muss, dass manche Passagen angesichts der rasanten technischen und gesellschaftlichen Entwicklung wie auch der hoch dynamischen Forschungslage quasi mit Erscheinen schon wieder veraltet sind.

Schweiger beginnt seine Ausführungen mit der Diagnose, dass wir derzeit sowohl einen Be­deutung­s­verlust journalistischer Nachrichten als auch einen Aufstieg sozialer Medien beobachten können. Unabhängig davon, ob dies nur zeitliche Koinzidenz oder tatsächlich kausaler Zusammenhang ist: „Das schwächt die politische Informiertheit und die Diskursfähigkeit der Bevölkerung und verstärkt die Polarisierung der Gesellschaft“ (S. VIIIf.), so die Ausgangsthese des Buches. Sie wird in sechs Kapiteln unter Bezug auf verschiedene Stränge kommunikationswissenschaftlicher Forschung ausgeführt und „unterfüttert“: Von allgemeinen demokratietheoretischen Überlegungen zur Rolle des (Nachrichten-)Journalismus und der informierten Bürger über Studien zum nachrichtenbezogenen Informationsverhalten bis hin zu Konzepten der Meinungsbildung und der Meinungsklimawahrnehmung. Aus Platzgründen will ich nur auf zwei Aspekte eingehen, die Schweigers Anliegen und Argumentation m.E. gut verdeutlichen können, nämlich das Konzept des „granularisierten Nachrichtenkontakts“ sowie der Fokus auf die „politisierte Bildungsmitte“.

Die Organisationsprinzipien sozialer Medien begünstigen der Analyse zufolge den „granularisierten Nachrichtenkontakt“: Sie lösen Nachrichten und Meldungen aus dem Kontext publizistischer Angebote und betten sie ein in den personalisierten, ständig aktualisierten Strom von Neuigkeiten in der Timeline von Twitter oder dem Facebook-Newsfeed. Dort stehen journalistische Nachrichten neben privat-persönlichen Updates aus dem Freundeskreis und der persuasiven Kommunikation von Marken oder politischen Parteien.

Von dieser Beobachtung ist es nur ein kurzer Schritt hin zur „Filterblase“-These, die postuliert, dass psychologische und soziologische Mechanismen des Informationsmanagements durch technisch-algorithmische Selektion verstärkt würden, was die Vielfalt der empfangenen Informationen senke. Schweiger weist zu Recht daraufhin, dass auch die entgegengesetzte Annahme – die Erweiterung persönlicher Online-Netzwerke steigere die Chance, mit heterogenen Informationen konfrontiert zu werden – gleichfalls plausibel sei; der aktuelle Forschungsstand jedenfalls lasse jedoch noch keine klare und abschließende Beurteilung der Personalisierungseffekte von sozialen Medien zu.

Doch eine andere Wirkungskette sieht Schweiger als bedrohlicher an: Der granularisierte Nachrichtenkontakt in sozialen Medien verhindere einen umfassenden Nachrichtenüberblick und begünstige die Konfrontation mit „Fälschungen, Lügen und Halbwahrheiten“ (S. 112). So könne es zu einer Negativspirale „aus sinkendem Nachrichtenüberblick und Journalismusvertrauen sowie zurückgehender Nachrichtennutzung vieler Bürger“ (S. 81) kommen. Diese Entwicklungen blieben wiederum nicht folgenlos für die Meinungsbildung, die dem demokratietheoretischen Ideal zufolge informierte Bürgerinnen und Bürger voraussetzt, die Kenntnisse von Fakten wie auch von konkurrierenden Haltungen und Meinungen zu politischen Anliegen haben.

In Kapitel 5 legt Schweiger einen Schwerpunkt auf die „politisierte Bildungsmitte“, wie er „stark politisierte(.) Bürger mit durchschnittlicher formaler Bildung, die sich über soziale und alternative Medien informieren“ (S. 7) bezeichnet. Anhand dieser Bevölkerungsgruppe, aus der sich auch viele Anhänger von (rechts)populistischen Bewegungen speisen, entwickelt er ein Wirkungsmodell, das die Veränderungen auf Seiten der online verfügbaren Informationen mit individuellen Faktoren zusammenbringt. Politisch stark involvierte Menschen mit geringem politischen Vorwissen und gering ausgeprägter Medienkompetenz seien, so die Annahme, von der Vielfalt der online verfügbaren Informationen nicht nur inhaltlich überfordert, sondern insbesondere auch anfällig für Einstellungs- und Wissenseffekte wie Pseudo-Informiertheit, Polarisierung und verzerrte Meinungsklimawahrnehmung, die die sozialen Medien begünstigen können. Insoweit diese „Wutbürger“ auch redebereiter und politisch aktiver sind, können sie über ihre Teilnahme an öffentlicher Bürgerkommunikation in den sozialen Medien die Sichtbarkeit ihrer Meinungen überproportional erhöhen und andere Menschen mobilisieren.

Dementsprechend warnt Schweiger im Fazit auch: Dass sich ein Teil der Bevölkerung von journalistischen Nachrichtenmedien abwende und in den sozialen Medien – aber nicht nur da, siehe den Zulauf zu Pegida-Demonstrationen – formieren und den demokratischen Diskurs unterhöhlen könne, bedrohe grundlegend den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dem gegen zu steuern sei Aufgabe der Bildungspolitik (Stichwort: Medienkompetenz für die digitale Gesellschaft), vor allem aber auch der Medienpolitik, die zum einen die großen Plattformen gerade in Hinblick auf Hasskommentare und gezielt irreführende Informationen stärker regulieren, zum anderen die Rahmenbedingungen für journalistische Qualität verbessern müsse.

Schweigers Buch ist gelungen, auch und gerade weil es zeigt, dass wir Kommunikations­wissenschaftler/-innen Stellung zu gesellschaftlichen Entwicklungen beziehen können (und sollten), die nicht nur den Kern unseres Faches, sondern auch das Herz der demokratischen Öffentlichkeit berühren. Er konzediert selbst, dass nicht jede Annahme gleichermaßen durch empirische Befunde zweifelsfrei abgesichert sei, er sich aber am Leitbild der „kumulativen Evidenz“ orientiere. Jede Leserin und jeder Leser wird daher vermutlich einzelne Stellen finden, die er oder sie weniger überzeugend findet. Mir etwa sei (pro domo) der Hinweis auf eine Lücke im Forschungsstand zur Nachrichtennutzung erlaubt, die durchaus folgenreich ist: Die deutsche Teilstudie des „Reuters Institute Digital News Survey“ liefert bereits seit 2012 repräsentative Daten zur Nachrichtennutzung, die sich noch dazu mit der Lage in mittlerweile 36 Ländern vergleichen lassen. Sie kann zeigen, dass in Deutschland die Nutzung sozialer Medien generell und für nachrichtliche Zwecke im speziellen im Lauf der Jahre zwar zugenommen hat. Aber der Anteil derjenigen, die soziale Medien als Haupt- oder gar als einzige Nachrichtenquelle verwenden, ist gerade im internationalen Vergleich nach wie vor recht klein. Man darf also nicht nur die Internetnutzung betrachten, sondern muss andere Medien­gattungen mit einbeziehen, weil diese nach wie vor für viele Menschen wichtige Informations­quellen sind. Dies wiederum kann bedeuten, dass manche der Annahmen und Wirkungsketten, die Schweiger entfaltet, gar nicht für die Gesellschaft als ganzes zutreffen, sondern möglicherweise nur für die „Social Media only“-Gruppe Gültigkeit haben.

Doch auch wenn man diesen Einwand für gravierend hält, muss das den Wert des Buches nicht grundlegend schmälern. Es bietet viele Anknüpfungspunkte für die weitere kommunikationswissenschaftliche Forschung, die in den nächsten Jahren Schweigers Annahmen und Wirkungsmodelle prüfen und, wo nötig, verbessern wird.  Wenn es unser Fach dann auch schafft, dieses Wissen in die Politik und breitere Öffentlichkeit zu tragen, wäre viel gewonnen.

 

2 Kommentare

  1. Lieber Jan,

    vielen dank für die – wie ich finde – ausgewogene und faire Rezension!

    Dein Argument, dass Social Media für einen Großteil der Bevölkerung nur eine unter mehreren Nachrichtenquellen ausmachen, ist natürlich richtig. Das habe ich im Kapitel zur Mediennutzung, glaube ich, auch so dargestellt. Trotzdem glaube ich, dass herkömmliche Informationsquellen wie TV, Radio, Print, klassische Nachrichten-Portale und unterpersonale Kommunikation nur bedingt Gegengewichte gegenüber den beschriebenen Filterblasen-Effekten darstellen. Denn auch dort gibt es seit jeher Meinungskonsistenz (Selektive Exposure, Homophilie), die zwar grundsätzlich schwächer ausfällt, aber zumindest bei ‚Wutbürgern‘ vermutlich in dieselbe Richtung wirkt.

    Zwischenzeitlich mehren sich auf jeden Fall empirische Studien aus Deutschland, die zeigen, dass Social-Media-Nutzung und Meinungsextremität bzw. -polarisierung zusammenhängen (Hagen et al., Stark et al. und eine eigene Online-Befragung vom August 2017).

    Liebe Grüße nach Hamburg,

  2. Danke für die Reaktion und die ergänzenden Gedanken, Wolfgang – und natürlich für den schönen Typo von der „unterpersonalen Kommunikation“! :-D

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