Schmidt mit Dete

Rezension zu M. Keren „Blogosphere“

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Für die kommende Ausgabe der Zeitschrift „Medien & Kommunikationswissenschaft“ habe ich eine Rezension zum Buch „Blogosphere. The New Political Arena“ von Michael Keren verfasst. Da es noch einige Zeit dauern wird, bis das Heft erscheint, hier schon mal der Preprint.

Keren, Michael: Blogosphere. The New Political Arena. Plymouth: Lexington Books. 2006. 165 Seiten.

In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Untersuchungen der Frage gewidmet, welchen Stellenwert und welche Konsequenzen Weblogs für Öffentlichkeiten und soziale Beziehungen haben. Das zu besprechende Buch von Michael Keren, Professor für „Communication, Culture, and Civil Society“ an der University of Calgary, zeichnet sich hierbei durch einen besonderen methodischen Ansatz aus: Neun Weblogs, deren Autor/innen aus unterschiedlichen Ländern stammen und unterschiedliche Themen behandeln, werden ausführlich analysiert – darunter sind beispielsweise die reichweitenstarken nordamerikanischen Angebote kottke.org und megnut.com, aber auch die Weblogs einer indischen Mutter oder eines Mannes aus Lesotho, der im französischen Exil lebt. Keren bezieht sich bei seinem Vorgehen auf den Ansatz des „life writing research“, der autobiographische Texte (hier: die Weblogeinträge) zum Gegenstand nimmt, um Aussagen über allgemeinere kulturelle und zeitgenössische Strömungen zu treffen.

Die einzelnen Fallstudien geben interessante und sehr dichte Einblicke in die jeweiligen Weblogs und ihre Themen. Kerens zusammenfassende Diagnose ist dabei ambivalent: Weblogs seien gleichermaßen von Emanzipation und Melancholie durchzogen; sie würden einerseits zwar dem Einzelnen die Möglichkeit geben, die eigene Stimme zu Gehör zu bringen, die geäußerten Gedanken und Eindrücke wiesen andererseits jedoch oft auf Resignation, Langeweile oder gar Isolation hin. „This new arena [die Blogosphäre; JS] can be characterized by a unique combination of the fresh voice of emancipation and a deep sense of withdrawal and rejection. (…) While many bloggers may be enlightened individuals, this study (…) proposes an updated ideal type of the blogosphere resident not as enlightened but as melancholic“ (S. 11/12).

So interessant der methodische Zugang und das Schließen auf generelle kulturelle Züge der Blogosphäre auch sind, so unbefriedigend bleibt das Buch in verschiedener Hinsicht. Zunächst stören die latent dystopischen Züge, insbesondere wenn Keren an verschiedenen Stellen onlinebasierter Kommunikation per se abspricht, interpersonale Beziehungen unterstützen zu können (z.B. „The criteria used to measure the success of social movements (…) cannot be met online due to the lack of interpersonal relationships“, S. 38).

Gravierender scheint aus Sicht des Rezensenten jedoch ein Denkfehler, der auch in anderen Diskussionen um den Stellenwert und die gesellschaftlichen Folgen von Weblogs zu beobachten ist: Aus der öffentlichen Zugänglichkeit der Weblogs wird geschlossen, erwartet oder gefordert, dass sie sich mit gesellschaftlich relevanten Themen befassen (sollten). Diese Zuschreibung wird allerdings dem Selbstverständnis vieler Blog-Autor/innen nicht gerecht, die Themen vorrangig nach dem Kriterium der persönlichen Relevanz auswählen. Das Publizieren im Internet sehen sie als Mittel an, ihre Texte, Fotos o.ä. anderen zugänglich zu machen, ohne aus der prinzipiell offenen Erreichbarkeit nun auch übergreifende, gesellschaftsweite Relevanz für ihre Schilderungen zu beanspruchen.

Bei Keren äußert sich dieser Denkfehler darin, dass er die porträtierten Blogger vor der Folie des „politischen Bürgers“ interpretiert, der sich in der Öffentlichkeit zu Wort meldet und an gesellschaftlichen Diskursen teilhat. Mit diesem Idealbild im Hinterkopf muss er fast zwangsläufig zu einem kritischen Urteil kommen – denn die von ihm betrachteten Angebote besitzen (bzw. schaffen) zwar eine gewisse Öffentlichkeit, ohne sich deswegen zwangsläufig zu gesellschaftlich relevanten Themen zu äußern.

Besonders deutlich zeigt sich dies, wenn Keren Jason Kottke vorwirft, sich nicht um die vielen Probleme der Welt zu kümmern: „(…) one is struck by the political withdrawal of the blogger and his readers in the face of continued killings in Iraq, the massacre in Sudan, the tsunami and other natural disasters in Turkey, Pakistan, Guatemala, the U.S., and elsewhere. Occasionally, entries on these matters can be found, but the cult seems generally disinterested in anything happening in the world unless it is related to the cyber-world“ (S. 30).

Hier ist zu fragen, ob es denn tatsächlich Aufgabe oder gar Pflicht des einzelnen Bloggers sein sollte, zu jedem erdenklichen (welt)politischen Ereignis Stellung zu beziehen? Die Entscheidung, sich auf bestimmte Themen (hier: Entwicklung der Internettechnologien) zu konzentrieren, ist völlig legitim; möglicherweise entspringt sie ja auch gerade der Tatsache, dass die eigenen Gedanken und Ansichten ein vergleichsweise großes Publikum erreichen? Sich unter solchen Umständen zu manchen (politischen oder auch intim-persönlichen) Fragen zurückhaltend zu äußern bzw. sie nicht zu thematisieren, kann auch gerade dem Schutz der eigenen Privatsphäre dienen.

Interessanterweise wendet Keren im Porträt des Blogs einer iranischen Teenagerin das Publizieren von Alltagserlebnissen dann positiv-emanzipativ: „While in a liberal democracy a blogger’s resort to trivia may divert attention from important political issues, in an authoritarian theocracy, similar trivia become a form of political protest. (…) [T]he reality of oppression makes the blog an exclusive means of emancipation“ (S. 53). Müsste, um stringent zu bleiben, den iranischen Bloggern nicht auch vorgeworfen werden, sie würden tatsächliches Handeln zugunsten von oberflächlichen und unpolitischen Trivialitäten vernachlässigen?

Die Studie hinterlässt daher einen zwiespältigen Eindruck. Das methodische Vorgehen sowie vor allem die Auswahl der Untersuchungsgegenstände erweitern bislang vorliegende Untersuchungen zur Blogosphäre und können als Vorbild für weitere Studien dienen. Der implizit vorliegende normative Maßstab des Autoren, der zu explizit geäußerten Abwertungen und – aus Sicht des Rezensenten – Fehleinschätzungen führt, trübt diese Vorzüge jedoch beträchtlich. Letztlich erweckt das Buch dadurch den Anschein, Keren würde nur diejenigen Blogger anerkennen, die sich als durch und durch politische Personen ständig und zu allen erdenklichen öffentlichen Angelegenheiten äußerten. Dass Menschen auch andere Facetten und Interessen, Meinungen und Erlebnisse haben, die sie in blogbasierten persönlichen Öffentlichkeiten mit anderen teilen, und dass diese individuelle Aneignung eines Medienformats Auswirkungen auf soziale Beziehungen und Öffentlichkeiten jenseits politischer Themen hat, blendet er leider aus.

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