Schmidt mit Dete

Die Generation der per-SMS-Schlußmacher?

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Vergangene Woche habe ich bei der next09 einige zentrale Ergebnisse unserer „Jugendliche und Web 2.0„-Studie vorgestellt. Ton Zijlstra hat eine sehr ausführliche Zusammenfassung geschrieben – ich möchte nochmal auf einen Punkt eingehen, der auch in der Diskussion nach dem Vortrag angesprochen wurde und den Umgang mit unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten angeht.

Wir haben in der repräsentativen Befragung (N=650, 12-24 Jahre) die favorisierten Kommunikationskanäle der Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch dadurch abgefragt, dass wir den Befragten eine Reihe von sozialen Situationen – sich verabreden, plaudern, flirten, Schluß machen o.ä. – vorgaben. Die Befragten sollten jeweils angeben, ob sie verschiedene vorgegebene Kanäle – z.B. SMS, Telefon, Brief oder Netzwerkplattform – für die jeweiligen Situation als „am besten geeignet“, „am zweitbesten geeignet“ sowie „völlig ungeeignet“ halten. Aus den Antworten läst sich eine Matrix konstruieren, die Aufschluß über Adäquanzregeln bei der Medienwahl für interpersonale Kommunikation gibt; in der Präsentation (Folie 12) habe ich aus Platzgründen nur einen Teil der Antworten aufnehmen können, hier die vollständige Tabelle:

Treffen

Brief

SMS

E-Mail

Telefon

IM

SNS

HP

nichts davon

Sich verabreden

15,8

0,4

19,8

1,0

49,2

12,7

0,8

0,2

0,1

9,7

0,7

29,0

10,1

26,0

19,3

4,5

0,1

0,5

7,9

43,2

4,3

14,3

1,5

8,8

12,4

17,9

6,9

Über Hobbies
austauschen

41,2

0,3

3,0

4,1

13,1

26,0

9,5

1,6

1,1

15,9

1,7

8,6

7,4

31,4

22,1

9,5

0,9

2,4

4,8

37,6

17,3

10,8

6,2

6,9

6,4

16,6

6,2

Tratschen und
Quatschen

44,0

0,2

2,1

0,6

33,1

17,6

2,0

0,2

0,2

21,3

0,5

6,0

4,8

40,3

19,9

5,8

0,5

0,8

2,2

38,4

18,3

13,3

1,8

8,0

8,9

19,5

5,8

Neue Leute kennen lernen

45,5

0,4

0,6

2,3

1,6

29,4

17,8

1,3

1,0

15,9

2,6

6,9

5,5

9,3

24,5

21,2

4,1

10,1

7,2

34,1

19,1

12,3

20,2

7,7

6,3

13,9

4,6

Neue Freundschaften schließen

56,6

0,3

2,3

1,9

4,8

20,7

11,8

0,8

0,7

15,5

2,8

6,2

6,1

20,5

25,2

15,6

1,3

6,8

4,1

34,6

17,8

14,6

11,9

9,9

10,7

17,4

5,1

Flirten

59,6

0,6

3,7

1,8

5,3

19,9

6,5

0,2

2,4

9,8

2,5

16,5

5,0

26,1

19,8

12,7

0,8

6,8

4,3

5,5

13,0

12,3

10,9

12,0

10,8

20,2

4,9

Enge Freundschaften pflegen

77,6

1,2

2,7

1,4

12,2

3,8

0,6

0,1

0,4

6,7

3,2

9,9

3,1

53,6

17,9

3,3

0,0

2,3

0,5

32,0

10,8

11,5

2,6

14,4

14,3

24,1

7,2

Einen Streit klären

81,6

0,9

2,7

0,1

10,3

3,5

0,4

0,1

0,4

6,7

4,4

8,2

2,1

60,3

12,0

1,5

0,0

4,6

0,7

27,5

26,2

18,6

3,4

22,1

16,5

18,8

2,8

Beziehungsprobleme klären

84,1

1,0

1,3

1,0

8,6

2,3

0,3

0,0

1,3

5,8

6,5

7,5

2,4

60,2

8,1

1,5

0,0

8,0

1,7

25,4

29,3

17,7

4,6

24,8

18,5

23,3

3,7

Eine Beziehung
beenden

87,6

2,1

2,8

0,9

5,3

0,4

0,0

0,0

0,9

2,0

13,1

7,4

2,1

50,7

5,2

1,0

0,0

18,5

2,3

22,5

47,8

21,4

12,6

27,0

21,6

21,6

3,6

Die Antworten sind in mehrerlei Hinsicht interessant. Zunächst fällt auf, dass das persönliche Treffen für fast alle Situationen von den 12- bis 24jährigen als favorisierter „Kanal“ angesehen wird; einzig für das „sich verabreden“ erreicht ein anderer Kanal (Telefon) höhere Werte bei der ersten Wahl. Das Telefon ist nach dem Face-to-Face-Treffen auch für die übrigen Situationen meist das zweithäufigst genannte Medium. Computervermittelte Kommunikation in ihren verschiedenen Varianten liegt demgegenüber eher zurück – was noch am ehesten als besonders angemessen angesehen wird, ist das Instant Messaging (z.B. für das Verabreden, plaudern oder auch Kennen lernen und Flirten).

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse ist zu beachten, dass wir in dieser Frage nicht nach den tatsächlich genutzten Kanälen gefragt haben, sondern nach Präferenzen bzw. wahrgenommener Eignung. Im Anschluß an meinen Vortrag brachte Ian Forrester Ergebnisse der BBC-Forschung auf, nach der (wenn ich mich recht erinnere) beispielsweise das Flirten maßgeblich über SMS und Netzwerkplattformen abläuft; er wunderte sich über die Diskrepanz zu unseren Ergebnissen, die sich meines Erachtens aber leicht erklären lässt. Zum einen könnten Effekte der Sozialen Erwünschtheit eine Rolle gespielt haben, wenn die Befragten bei ihrer Antwort bewusst oder unbewusst empfundene soziale Normen reproduziert hätten: Sie glauben, dass man antworten sollte, face-to-face sei der wichtigste Kanal, obwohl sie in Wirklichkeit andere Kanäle viel häufiger nutzen.

Zum anderen, und für mich als Erklärung plausibler, haben wir in der Frageformulierung den Befragten implizit ja eine Wahl gegeben: Welchen Kanal hältst Du _prinzipiell_ für am besten geeignet, wenn Dir alle genannten Kanäle zur Verfügung stünden? Somit zeigen die Antworten eben vor allem an, dass sie das Face-to-Face-Gespräch für alle Situationen gegenüber medienvermittelter Kommunikation vorziehen; dass ein Kontrast zu anderen Studien besteht, die nach dem konkreten Kommunikationsverhalten fragen, deute ich als Indikator, dass Jugendlichen das Face-to-Face-Gespräch mit ihren Freunden und Bekannten eben nicht immer zur Verfügung steht, obwohl sie es gerne wollen.

Besonders gespannt war ich auf die Antworten zur sozialen Situation des „Beziehung Beendens“, da ich die sozialen Konventionen rund um mediale Kommunikation immer gerne daran verdeutliche, dass nur bestimmte Kanäle für diese Situation als angemessen gelten, die SMS beispielsweise nicht dazu gehört. Die Daten bestätigen es glücklicherweise: Knapp die Hälfte sagt, dass eine SMS für das Beenden einer Beziehung überhaupt nicht geeignet sei (immerhin nur ein Fünftel meinen dies von Netzwerkplattformen), aber fast 90 Prozent sagen, das solle am Besten über ein persönliches Treffen geschehen. Also wächst doch keine Generation von per-SMS-Schlußmachern heran, auch wenn es prominente Vorbilder geben mag1

PS: Wir haben eine ähnlich konstruierte Frage auch für die Eignung der verschiedenen massenmedialen Gattungen (TV, Radio, Internet, Zeitung, Zeitschrift) für bestimmte Informationsbedürfnisse gestellt; die Ergebnisse blogge ich die kommenden Tage.

  1. danke an die_Paule, lisarosa und Pleitegeiger für die Beispiele.

5 Kommentare

  1. Lieber Jan, das ist ein sehr gutes Beispiel für die Verstrickung von Normativität und Empirie. Handelt es sich aber nicht eigentlich um eine Verschleierung, wenn man von „der Sozialen Erwünschtheit“ spricht? Mal abgesehen davon, dass die Substantivierung etwas holperig ist, ist doch dahinter mehr zu vermuten, als einfach eine unwichtige soziale Konvention oder eine formale Problematik empirischen Forschens: Offenbar, und Deine Beispiele verdeutlichen dies, geht es um „Werte“, die nicht nur allgemein gelten, sondern aktuell für gut und richtig gehalten werden. Die Praxis empirischen Forschens ist, wenn es um Einstellungen, Handlungsmotive und allgemein um „Gründe“ geht, nahe dran an Wertfragen, die sich, wie Du richtig andeutest, schwierig erheben lassen, weil die Frage eigentlich die nach der ethischen Identität von Personen (hier: Jugendliche) ist. Es ist kaum eine so perfekte Versuchsanordnung denkbar, die es erlauben würde, dies dann darzustellen… Klar, für die empirische Sozialforschung ist das ein formales Problem, für mich als Ethiker aber ein interessanter Fall für den Zusammenhang von Empirie und Ethik. Nur: Wie sieht es eigentlich mit Deiner ethischen Identität aus (vgl. Deine Formulierung: „Die Daten bestätigen es glücklicherweise“?)… Müsstest Du nicht Deine moralischen Überzeugungen ausweisen? Oder anders: Was versetzt Dich in die Lage, hier und anderswo zu urteilen? Deine Expertise als empirischer Sozialforscher? Oder die moralischen Quellen Deiner sozialdemokratischen und bürgerlichen (?) Gesinnung?
    LG, A.
    PS: Du siehst, ich bin dabei, meine Manuskript von der Medienethik-Tagung im Feb. fertig zu machen…

  2. @Alexander Filipovic: Der Begriff „soziale Erwünschtheit“ ist ein gängiger Fachbegriff der empirischen Sozialforschung.

    „Es ist kaum eine so perfekte Versuchsanordnung denkbar, die es erlauben würde, dies dann darzustellen… Klar, für die empirische Sozialforschung ist das ein formales Problem, für mich als Ethiker aber ein interessanter Fall für den Zusammenhang von Empirie und Ethik.“

    Was ist hier ein „formales“ Problem? Wenn das Antwortverhalten von sozialen Erwartungen bestimmt wird, haben wir (Sozialforscher) auch ein gravierendes inhaltliches (Verständnis-)Problem.

    Es gibt, in gewissen Grenzen, die Möglichkeit „soziale Erwünschtheit“ zu messen, um damit einen Eindruck vom Grad der (möglichen) Antwortverzerrung zu erhalten.

  3. Ha, interdisziplinärer Dialog – sehr schön.. :-)

    Mit der Formulierung „Die Daten bestätigen es glücklicherweise“ wollte ich ausdrücken, dass ich mich freue, empirische Daten für meine bislang schon immer „ungestützt“ vertretene These zu haben. Das „glücklicherweise“ war also nicht auf den Umstand bezogen, dass die Jugendlichen lieber f-2-f kommunizieren.
    In der Hinsicht der Beurteilung von Kanälen bin ich zunächst einmal wertfrei: Ich halte keinen Kommunikationskanal für inhärent „besser“ oder „schlechter“ als andere, anders als Leute, die z.B. meinen, mit der SMS und dem Internet sei der Untergang der abendländischen Kommunikationskultur verbunden [Alex, erinnerst Du Dich an die Diskussionsbeiträge bei meinem Hegelwochen-Vortrag letztes Jahr? :-))].

    Wichtig ist meines Erachtens aber (und hier werde ich dann normativ), dass Menschen die Möglichkeit haben, den Kanal zu wählen, den sie in einer spezifischen Situation gemäß ihrer kommunikativen Absichten und im Kontext (sub-)kultureller Normen für am Besten geeignet halten. Hier kommt dann wenn man so will meine sozialdemokratische Gesinnung durch…

  4. Eine der größten Problematiken solcher Studien ist jedoch, dass Antwortverhalten und Realität oftmals nicht annähernd deckungsgleich sind.

    Es war zu erwarten, dass in einer neutralen Umgebung der Wunsch besteht die SMS sei als Kommunikationsmittel gänzlich ungeeignet – wie sieht es aber in der Realität aus ?

    In nicht wenigen Fällen wird man sich Tränen, Erklärungen und langwierige Gespräche ersparen wollen und greift dann doch zum Handy.

  5. Völlig richtig – faktisches Verhalten kann anders aussehen, als das tatsächlich Verhalten, z.B. weil die objektiven constraints einer Situation, oder auch die subjektiven Stimmungen etc. nicht zulassen, dass man sich gemäß der (sozial oder individuell) erwünschten Weise verhält.

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