Schmidt mit Dete

Beitrag im Magazin „Impu!se“

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Für die jüngste Ausgabe der Zeitschrift „Impu!se für Gesundheitsförderung„, die von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen herausgegeben wird, habe ich folgenden kurzen Text – für’s Blog ergänzt um einige Links – zur Rolle von Onlinemedien für Beziehungen und psycho-soziale Gesundheit verfasst.

Das Social Web und Beziehungspflege

Das Internet hat sich in den letzten 15 Jahren im Medienalltag etabliert. Aktuellen Daten der Initiative D21 (Netzwerk für die Digitale Gesellschaft) zufolge sind im Jahr 2011 etwa drei Viertel der Deutschen zumindest gelegentlich online. Eine wesentliche Ursache für diese rasante Verbreitung ist, dass das Internet als „Universalmedium“ nicht nur Funktionen bekannter Massenmedien wie Fernsehen, Radio oder Zeitung übernehmen kann, sondern auch zur Beziehungspflege genutzt wird.In der Frühphase des Internets dominierte die Vorstellung, das Datennetz entwickele sich zum „Cyberspace“, der von der „realen Welt“ abgekoppelt sei. In der „virtuellen Realität“ würden Menschen ihren Körper hinter sich lassen, in fremde Rollen schlüpfen und flüchtige Kontakte mit Fremden pflegen – so der Mythos, der allerdings den vielfältigen Facetten und Folgen onlinebasierter Kommunikation nicht gerecht wird. Viele Innovationen der letzten Jahre, wie Facebook,Twitter, YouTube oder Skype haben auf jeweils spezifische Weise die technischen Hürden gesenkt, sich mit anderen Menschen auszutauschen und Informationen miteinander zu teilen. Das Internet ist u.a. durch sie zum „Social Web“ geworden, das nicht mehr nur zum passiven Informationsabruf oder zum Abwickeln von Online-Banking und Shopping genutzt wird. Diese Entwicklung ist auch für den Aspekt der psychosozialen Gesundheit von Bedeutung, wie an drei Beispielen aus der Forschung des Hans-Bredow-Instituts verdeutlicht werden kann.

Computerspiele

Vorstellungen vom „Cyberspace“ sind derzeit noch am ehesten in den komplexen und grafisch aufwändigen Welten der Online-Rollenspiele à la „World of Warcraft“ verwirklicht. Diese können unter bestimmten biographischen und individuell-psychologischen Umständen dazu führen, dass die im Spiel gepflegten Beziehungen und die vom Spiel gestellten Aufgaben eine Sogwirkung entwickeln und wichtiger werden als Freundschaften oder Verpflichtungen außerhalb des Spiels. Es besteht die Gefahr,, dass sich Menschen in den Spielen verlieren und aus einer intensiven Beschäftigung ein exzessives oder pathologisches Verhalten wird, das mit gesundheitlichen, psychologischen und vor allem sozialen Beeinträchtigungen einhergeht. Nur ein sehr geringer Teil der Nutzer und Nutzerinnen zeigt über einen längeren Zeitraum Muster eines problematischen Nutzungsverhaltens; für die meisten bietet das Internet schlichtweg die Möglichkeit, ihr Hobby gemeinsam mit anderen auszuüben. [Mehr in unserer Studie für die LfM zur Computerspielnutzung]

Soziale Netzwerkplattformen

Zum Zweiten lässt sich der Mythos vom „Cyberspace“ gerade an den seit einigen Jahren besonders populären Netzwerkplattformen wie schülerVZ oder Facebook weiter entzaubern. Statt der Kommunikation mit Unbekannten geht es dort vorrangig um die Pflege und Erweiterung realweltlicher Beziehungen. Das Präsentieren und (Mit-)Teilen von Informationen über sich selbst in der eigenen persönlichen Öffentlichkeit wirft einerseits Fragen des Datenschutzes bzw. der informationellen Selbstbestimmung auf und verschiebt gesellschaftliche Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Andererseits macht man es sich zu leicht, wenn man den vermeintlichen „Online-Exhibitionismus“ der Jugend anprangert – gerade für Jugendliche und junge Erwachsene bietet das Social Web Kommunikationsräume, die bei der Bewältigung von entwicklungspsychologischen Aufgaben helfen.

Diese Prozesse laufen nicht immer problemlos ab, sodass sich Streit, Gerüchte oder Mobbing vom Schulhof oder aus der Freizeit auf diese Plattformen verlängern können, was zu Stress und Belastungen führen kann. Eine Schülerin brachte dies im Rahmen eines Forschungsprojekts sehr prägnant auf den Punkt: „Alle meine Freunde sind auf schülerVZ, aber nicht alle auf schülerVZ sind meine Freunde“. Gleichzeitig lernen Jugendliche im Umgang mit dem Social Web aber auch Schlüsselkompetenzen unserer Zeit. Je individualisierter, flexibilisierter, mobiler unsere Gesellschaft wird, desto wichtiger wird der Aufbau und die Pflege eines sozialen Netzwerks. Die Einbettung in ein soziales Netzwerk liefert unterschiedliche psychosoziale Ressourcen, z.B. emotionale Unterstützung und Beistand oder auch karriererelevanten Informationsfluss, und trägt somit zur Bewältigung des Alltags in modernen Gesellschaften bei. [Mehr in unserer Studie für die LfM zum Heranwachsen mit dem Social Web]

Medizinische Information über Wikipedia und Co.

Als dritter Bereich soll das konkrete Gesundheitsinformationsverhalten angesprochen werden, das sich auch durch das Internet verändert. Einer Anfang 2011 durchgeführten repräsentativen Befragung zufolge ist für gesundheitsrelevante Themen der persönliche Austausch mit Arzt bzw. Ärztin sowie Freunden und Verwandten nach wie vor am weitesten in der deutschen Bevölkerung verbreitet. Doch immerhin ein Drittel aller Deutschen gibt an, zumindest gelegentlich auch medizinische Informationen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia nachzuschlagen. Etwa ein Viertel greift auf Online-Informationsangebote von Krankenkassen oder Krankenversicherungen zurück. Für den Kontext dieses Beitrags noch entscheidender: Das Internet bietet zudem Räume für den persönlichen Austausch auch zu gesundheitsbezogenen Themen, z.B. in Patientenforen oder einschlägigen Gruppen in Online-Communities. Diese werden allerdings nur von 7 bis 15 % der deutschen Bevölkerung genutzt und im Durchschnitt nicht als so verlässlich und hilfreich eingeschätzt wie andere Informationsquellen. Dennoch zeigen Studien z.B. zu onlinebasierten Selbsthilfegruppen, dass die Möglichkeit zum Austausch von persönlichen Erfahrungen oder das Teilen von Gefühlen oder Ängsten eine wichtige Rolle bei der Bewältigung gerade von ernsthaften Krankheiten bietet. [Mehr in unserem DFG-Projekt zur Rolle des Internets in der Gesundheitskommunikation]

Das Internet ist somit nicht per se entfremdend oder isolierend, genauso wenig wie es ausschließlich gut oder vorteilhaft ist. Es kommt vielmehr auf den konkreten Einsatz in spezifischen Lebenssituationen an – und in dieser Hinsicht ist es inzwischen für einen wachsenden Teil der Bevölkerung unverzichtbar, auch und gerade um psychosoziale Befriedigung zu erlangen bzw. entsprechende Bedürfnisse zu befriedigen.

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