Schmidt mit Dete

Vorträge01

Rückblick auf #vernö13

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Vergangene Woche war die letzte Veranstaltung meiner Vorlesung „Vernetzte Öffentlichkeiten„, die ich im Sommersemester an der Uni Hamburg gehalten habe. Zeit also, einen zusammenfassenden Rückblick zu bloggen und dabei zu überlegen, was ich bei ähnlichen Lehrveranstaltungen anders oder wieder genau so machen würde.

Zunächst mal: Auch wenn es viel Aufwand war1, hat es Spaß gemacht, die Themen meiner Arbeit für die Vorlesung aufzubereiten und zu vermitteln. Neben Büchern, Aufsätzen und anderen Publikationen halte ich ja zum Thema „Internet und soziale Medien / Wandel von Öffentlichkeit“ für unterschiedliche Publika recht viele Vorträge, die in der Regel zwischen 15 und 60 Minuten lang sind. In der Vorlesung hatte ich nun die Zeit, eine Reihe von Aspekten zu vertiefen und zum Teil neu zu erarbeiten (z.B. die Sitzung zu den technischen Grundlagen vernetzter Öffentlichkeiten). Dabei habe ich sicherlich einige wesentliche Bereiche ausgelassen – zum Beispiel zur Rolle sozialer Medien in der Organisations- und Unternehmenskommunikation -, aber das ist bei einem so breiten Thema wohl kaum anders möglich.

Neben den inhaltlichen Schwerpunkten war mir wichtig, vorlesungsbegleitend auch die Potentiale vernetzter Öffentlichkeiten zu demonstrieren. Bereits vor Semesterbeginn hatte ich dazu einen Bereich in meinem „Lehrwiki“ für die Vorlesung eingerichet und den hashtag „vernö13“ v.a. für Twitter etabliert. Ausserdem sind alle Foliensätze nicht nur als .pdf im Wiki, sondern auch auf Slideshare zu finden, um die Inhalte für Interessierte zu dokumentieren. Zugleich wollte ich dadurch die Vorlesung für Kommentare, Fragen und Anregungen von außen öffnen. Auf Twitter gab es zu den einzelnen Sitzungen mal mehr, mal weniger Austausch; meinem (nicht systematisch erhobenem) Eindruck nach gab es eine Handvoll Teilnehmer/innen der Vorlesung, die Twitter selbst nutzen und sich auch am #vernö13-hashtag beteiligten. Dazu kamen (etwas mehr) Externe, darunter die Kolleg/innen aus den Skype-Interviews, die sich punktuell zu Wort meldeten, teils mit Fragen, teils mit Anregungen und Hinweisen.

Das Wiki wurde nicht in dem Maße für aktive Mitarbeit angenommen, wie ich es mir gewünscht hatte2. Die ganz überwiegende Zahl der edits stammt von mir und betrifft v.a. die Dokumentation der einzelnen Vorlesungstermine. Zwei Ausnahmen gibt es, und die hängen mit dem Status der Vorlesung für die Studierenden zusammen: Es stand keine Klausur oder andere Prüfungsleistung am Ende, sondern man konnte ein Teilnahmeschein mit zwei Leistungspunkten/credits erwerben. Die Teilnahme wurde dadurch dokumentiert, dass die Studierenden ihre Matrikelnummer ins Wiki eintragen sollten, sodass jede/r zumindest einmal eine Seite editieren musste (wie das bei Mediawiki-Software geht, hatte ich in der ersten Sitzung demonstriert). Einige Studierende, die aus anderen Fachbereichen als „Medien und Kommunikation“ kommen, benötigten einen benoteten Schein, um sich die Lehrveranstaltung in ihrem Studium anrechnen zu lassen. Ihnen bot ich die Möglichkeit an, als Prüfungsleistung einen inhaltlichen Bereich im Wiki zu editieren, also z.B. zu einem (Unter-)Thema einer der Sitzungen eine Wikiseite zu erstellen. Diese Leistungen trudeln nach und nach ein, z.B. in Form einiger vertiefender Bemerkungen zu „Big Data“ oder aber durch das Ergänzen von weiterführenden Links zu den einzelnen Sitzungen.

Bei der letzten Sitzung habe ich mit den Studierenden auch darüber gesprochen, warum so viele außer dem Matrikelnummer-Eintrag keine weiteren Beiträge zum Wiki getätigt hatten. Zwei Hauptgründe wurden genannt: Erstens sei das MediaWiki technisch kompliziert bzw. zumindest nicht so komfortabel, wie man es aus anderen Bereichen des Web inzwischen gewohnt sei. Zweitens meinten einige, sie hätten nicht so recht gewusst, was sie beitragen sollen. Das wiederum zeigt mir, dass ich nicht ausreichend deutlich gemacht habe, dass das Wiki ja gerade als niedrigschwelliger Raum des Austauschs gedacht war, man also auch vertiefende Fragen o.ä. hätte stellen können. In dieser Hinsicht würde ich mir für ein nächstes Mal noch mehr Gedanken machen müssen, wie ich Beteiligung stimulieren kann, ohne in ein plumpes „Jeder muss drei Wiki-Seiten editieren, um einen Schein zu bekommen“ zu verfallen.

Sehr froh bin ich, dass meine Vorlesung mit Unterstützung von lecture2go aufgezeichnet und frei verfügbar gemacht wurde. Dadurch konnte ich den Teilnehmer/innen frei stellen, in der Präsenzsitzung anwesend zu sein oder sich die Inhalte zu selbst gewählten Zeiten von zuhause oder anderswo anzueignen. Das führte dazu, dass von den 140 angemeldeten Studierenden meist nur 20 bis 40 Personen anwesend waren, was meiner Wahrnehmung nach aber die Atmosphäre im Raum deutlich verbesserte: Die sonst bei Vorlesungen übliche Grundunruhe, das Flüstern und die abgelenkte Präsenz von Leuten, die nur zum Unterzeichnen der Teilnehmerliste anwesend sin, fehlte völlig3. Ich hatte das Gefühl, dass alle Teilnehmer/innen konzentriert bei der Sache waren, was es für mich viel angenehmer und befriedigender machte, die 90 Minuten zu bestreiten.

Problematisch an der Form der Aufzeichnung ist hingegen, dass es sich letztlich trotzdem „nur“ um abgefilmte Vorlesungen handelt. Zwar steht visuell das Beamerbild, d.h. meine Powerpoint-Präsentation im Vordergrund, und das Kamerabild von mir ist eher klein eingeblendet – aber man sieht eben, dass ich nicht zu den Zuschauern vor dem Bildschirm, sondern zu den Personen im Hörsaal spreche (wobei ich mich bemüht habe, vor allem beim Wiederholen von Fragen aus dem Auditorium für die Kamera auch in diese Richtung zu schauen.. :-)). Denkbar wäre, wie es ein Teilnehmer aus seinem Informatikstudium berichtete, auf das Videobild von mir komplett zu verzichten und nur Folien + Audiospur aufzuzeichnen. Doch wirklich ausnutzen würde ich die Potentiale von lecture2go wohl erst, wenn ich Inhalte spezifisch mit Blick auf die Videoaufzeichnung aufbereite, also z.B. kürzere Einheiten direkt für das „Fernstudium“ konzipiere. Mal sehen, ob ich in absehbarer Zeit dazu komme; ein Experiment wäre es auf jeden Fall wert.

Apropos Experiment: in der zweiten Hälfte des Semesters habe ich damit experimentiert, zu den Veranstaltungsthemen jeweils auch Expert/innen in die Vorlesung hineinzuholen – nicht durch Gastvorträge, sondern durch ca. 15- bis 20-minütige Gespräche via Video-Skype. Das hat technisch wunderbar geklappt4 und war inhaltlich eine große Bereicherung, ganz zu schweigen davon, dass ich dadurch nicht 90 Minuten durchreden musste.. ;-) Ein ganz großer Dank an Jeannette Hoffmann, Jessica Einspänner, Juliane Leopold, Christian Heller, Johnny Häusler, Christoph Bieber und Axel Bruns für die Bereitschaft, daran mit zu wirken! Auch von den Studierenden kam sehr positives feedback dazu, sodass ich dieses Format sicher wieder einsetzen werde.

Soweit meine Eindrücke und Überlegungen kurz nach dem Ende des Semesters. Vielleicht mag ja der eine oder die andere aus meiner geneigten Leserschaft noch Feedback ergänzen, oder Erfahrungen aus eigenen Lehrveranstaltungen ergänzen? Weil so eine semesterumfassende Lehrveranstaltung, ob Vorlesung oder Seminar, ordentlichen Zeitaufwand mit sich bringt, bin ich nicht sicher, ob ich in naher Zukunft erneut wieder eine anbiete – ich bin als Mitarbeiter des Hans-Bredow-Instituts ja in der privilegierten Position, dass ich keine Lehrverpflichtung habe…. Andererseits habe ich nun Grundstruktur, Inhalte und Erfahrungen gesammelt, sodass es möglicherweise doch ein vernö14 oder vernö15 geben könnte, mal sehen.. ;-)

PS: Heimlicher Höhepunkt war aus meiner Sicht übrigens die kollektive Runde geoguessr-Extreme, die wir ganz am Ende der letzten Vorlesung gespielt haben. Wer gegen uns antreten will, findet hier den Link zur challenge – aber vorher die Regeln durchlesen, und gerne den eigenen Score im Wiki hinterlassen.

PPS: Das obige Foto, das auch auf allen Folien zu finden ist, stammt übrigens von meinem Vater und ist eine alte, verrostete Fernsehplatine mit dem Antennenanschluss links und der netzwerkartig verschalteten Platine. Wenn das mal kein Symbolbild ist!

  1. Laut meiner Zeiterfassung habe ich für Vorbereitung, Halten der Vorlesung und Nachbereitung insgesamt 120 Stunden gebraucht.
  2. Wobei ich auch genug über die Kluft zwischen technischen Potentialen und tatsächlicher Aneignung von Wikis gerade in Lehr-Lern-Kontexten weiss, dass ich mir keine übertriebene Hoffnungen gemacht hatte… ;-
  3. Umgekehrt war es richtig auffällig, als in einer Sitzung eine Gruppe von drei Studierenden mal für einige Minuten untereinander tuschelte…
  4. Einziger Wehrmutstropfen: Das Tonsignal der Skype-Gespräche konnte nicht direkt, sondern nur über die Saalanlage aufgezeichnet werden, sodass meine Gesprächspartner/innen auf den lecture2go-Aufzeichnungen leider nicht sehr gut zu verstehen sind.

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