Social Media bei der SPD Hamburg

Den frühen Montag Abend habe ich im Kaisersaal des Hamburger Rathauses verbracht, wohin die SPD-Bürgerschaftsfraktion zur Podiumsdiskussion „Social Media: Interaktion im Internet“ eingeladen hatte. Eine recht interessante Veranstaltung, leider musste ich etwas früher aufbrechen. Zur laufenden Twitter-Berichterstattung ((Interessant, wie einerseits spontan eine geteilte Routine – hier der Gebrauch des Twitter-Hashtags #rathaushh – entstehen kann, andererseits aber auch eine ganze Reihe von Tweets durch die Lappen gehen, weil eben keine vorab kommunizierte (von wem auch?) Vorgabe existierte.)) noch kurz einige Beobachtungen:

  • Nico Lumma hatte die Rolle des voranpreschenden, manchmal polternden Social-Media-Aktivisten inne, der unermüdlich darauf hinwies, dass Parteien im Allgemeinen und die SPD im Speziellen in der neuen Medienwelt noch nicht angekommen sind. Meines Erachtens völlig zu Recht wies er darauf hin, dass in Hamburg gerade im Bereich der Medien- und Kreativwirtschaft ein großes Potenzial schlummert, das von der SPD angesprochen werden könnte. „Ansprechen“ durchaus im doppelten Sinn gemeint: Als Zielgruppen politischen Handelns (also durch Initativen und Anträge zur Stärkung des Standorts) und als mögliche Multiplikatoren für sozialdemokratische Inhalte. Seine Vorschläge für das Einbinden von Social Media in politische Kommunikation (www.spd-hamburg.de umbauen; Gesprächsangebote in den vernetzten Öffentlichkeiten aufbauen, wo sich potenzielle Wähler und Unterstützer aufhalten; neue Wege der Mobilisierung erproben) waren nachvollziehbar; ich hatte in der Diskussion noch ergänzt, Social Media als Chance für das Unabhängig-Machen von journalistischen Gatekeepern zu nutzen und Botschaften auf neuen Wegen zu verbreiten.
  • Michael Neumann, Vorsitzender der SPD-Fraktion, befand sich aufgrund von Nico Lummas Vorpreschen in einer etwas merkwürdigen Situation: Einerseits ist er einer derjenigen wenigen Politiker in hervorgehobener Position, die Blogs und Videocasts aktiv nutzen, nämlich auf seiner eigenen Homepage. Andererseits wollte er Parteien und politische Akteure vor allzu viel Enthusiasmus verteidigen, und er tat dies meines Erachtens auch durchaus einleuchtend, indem er drei eher praktische Probleme hervorhob, die aus den strukturellen Vorgaben für politische Kommunikation entstehen. (1) Die Schnelligkeit der Online-Kommunikation, die gerade im Bereich von Social Media (mal als Sammelbegriff für interaktive Formate genommen) mit einer hohen Erwartung an Dialogbereitschaft und -fähigkeit einhergeht. Dazu ist Zeit notwendig, die angesichts anderer Verpflichtungen notorisch knapp ist. (2) Den Umstand der Persistenz von Online-Kommunikation, der für Politiker eine besondere Herausforderung darstellt: Wenn jede kritische, von der Parteiliinie abweichende oder nicht abgesprochene Äußerung kurz- oder langfristig gegen einen verwendet werden kann (oder auch nur das Wissen existiert, dass dies passieren könnte), werden eher informelle, aber persistente Kommunikationskanäle wie Twitter o.ä. unattraktiv für Politiker. Nicht umsonst haben sich im Verhältnis von Politikern zu Journalisten Konventionen wie das „Gespräch unter drei“ herausgebildet, das eben nicht öffentlich sein soll. (3) Damit verwandt ist die Trennung zwischen parteiinternen und öffentlichen Diskussionen; ich denke auch, dass manche Diskussionen und Gespräche im Verlauf der Formulierung und Abstimmung politischer Positionen eine gewisse Intransparenz und Vertraulichkeit benötigen, um wirklich fruchtbar zu sein.
  • Juliette Guttmann, die in Vertretung der kurzfristig verhinderten Katharina Borchert auf dem Podium saß, steuerte einige Erfahrungen aus dem Community Management von derwesten.de bei. Für sie war der Verlauf der Diskussion möglicherweise etwas undankbar, weil sie in ihrer professionellen Rolle zu den politischen Implikationen von Social Media nicht viel beisteuern konnte; ihr Hinweis darauf, dass zu ausgefeilte und technisch avancierte Angebote von vielen Nutzern nicht angenommen werden, möglicherweise auch gar nicht gewünscht sind, trug aber zur „Erdung“ der Diskussion bei.
  • Zuletzt noch: Ich hatte vor Beginn der Diskussion die Freude, endlich mal meinen Nachbarn-im-RL Sven kennen zu lernen. Wir hatten kurz überlegt, eine Runde „Obama-Bingo“ zu spielen, also bei jeder Nennung von „Obama“ laut oder leise ‚Bingo‘ zu sagen. Bis ich um viertel nach Neun aufbrechen musste, war es immerhin sechs Mal passiert.. :)

3 Kommentare


  1. Wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann :)

    Juliette Guttmann hat auf mich in kaum einer Weise den Eindruck gemacht, eine undankbare Rolle einzunehmen. Allenfalls darin, zwischen drei Männern zu sitzen, die schon aufgrund ihrer Tätigkeitsfelder zu eher ungeerdeten Beiträgen neigen.

    Sie war die einzige, die zu einem Statement Applaus aus dem Publikum erhielt und hat Katharina Borchert – deretwegen ich zumindest auch ins Rathaus gekommen war – sehr gut vertreten.

    „…weil sie in ihrer professionellen Rolle zu den politischen Implikationen von Social Media nicht viel beisteuern konnte“ schreibst Du.

    Vielleicht warst Du schon weg, als sie die dazu aufforderte, die Kommunikation im Netz nicht den falschen Parteien zu überlassen – die am rechten Rand sind im Web 2.0 sehr gut (und deutlich besser als die bürgerlichen Parteien) aufgestellt.

    Viele Grüße

    Kirstin

  2. Author

    @Kirstin: Hmm, ich wollte Juliettes Beitrag auch überhaupt nicht abwerten; ich hatte das „undankbare Rolle“ v.a. im Bezug darauf bezogen, dass die Diskussion durch Michael Neumann und Nico Lumma stark in Richtung „was soll/kann die SPD machen“ ging, und sie (so war mein Eindruck, vielleicht täuscht der) keine parteipolitischen Ratschläge geben konnte.

    Aber wie Du auch sagst: Ihre Beiträge waren wertvoll und Richtung, insbesondere der von Dir erwähnte Hinweis auf die rechten Parteien, den ich noch gehört habe – und der möglicherweise auch ein wenig dazu beiträgt, in den demokratischen Parteien über die neuen Werkzeuge etwas intensiver nachzudenken.

    In dem Zusammenhang ganz witzig: Am Tag drauf habe ich lange mit einer Kommunalpolitikerin aus Bayern gesprochen, die sich gerade Gedanken macht, wie man „das was Obama gemacht hat“ auch bei sich ausprobieren und einsetzen kann.

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