Schmidt mit Dete

Tagung zur Medienethik im Web 2.0

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Den Donnerstag und Freitag verbrachte ich in München bei der Tagung „Web 2.0. Neue Kommunikations- und Interaktionsformen als Herausforderung der Medienethik„, veranstaltet von der DGPuK-Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik und dem Netzwerk Medienethik. Meinen Vortrag zum Thema „Braucht das Web 2.0 eine eigene Forschungsethik“ werde ich hier so bald wie möglich einstellen ist ganz unten in diesem Beitrag eingebettet.

Den Eröffnungsvortrag hielt Petra Grimm (Stuttgart) über „Gewalt im Web 2.0 und Cybermobbing aus Sicht der Jugendlichen“ – ein Ausschnitt aus einer unlängst veröffentlichten Studie, die sie im Auftrag von verschiedenen Landesmedienanstalten durchgeführt hatte. Ich hatte sie bereits in Berlin vor einem halben Jahr gehört; dort hatte sie v.a. Ergebnisse aus dem qualitativen Teil präsentiert. Ihr heutiger Vortrag konzentrierte sich dagegen vor allem auf qualitative Befunde, die in Gruppeninterviews mit Jugendlichen erhoben wurden. Im Vergleich zu Gewaltdarstellungen im Fernsehen erleben die Jugendlichen die Internetgewalt oft als drastischer und detaillierter, echter und authentischer – und als problematischer, weil Gewaltdarstellungen in keinen Kontext eingebettet sind.

Während also das Framing und die Art der Gewalt anders als im Fernsehen ist, blieb unklar, ob auch die Motive ähnlich sind; die Studie identifizierte Unterhaltungsmotive bzw. Sensation Seeking (etwas Aufregendes erleben wollen, emotionale Grenzerfahrung machen), aber auch sozialintegrative oder soziale Motive (gemeinsames Durchstehen der Rezeption, aufregendes Gesprächsthema, Anerkennung erhalten). Diese erscheinen mir aber durchaus auch die Rezeption von gewalttätigen Inhalten über andere Kanäle denkbar zu sein.

Das erstes Panel über „Datenschutz und Datensicherheit im Social Web“ begann mit einem Vortrag von Kerstin Blumberg (Hannover), die ihre Bachelor-Arbeit zu „Risiko und Nutzen der Informationspreisgabe in sozialen Netzwerken“ vorstellte. Durch eine Befragung unter studiVZ-Nutzern (N=382; Schneeballverfahren; nicht repräsentativ) ermittelte Kerstin Blumberg, dass Besorgnis um die Datenpreisgabe einerseits und das Vorliegen einer Reziprozitätsnorm andererseits die Veröffentlichung hoch sensibler Informationen (wie Handynummer, Kontaktinformationen) beeinflussen ; der Wunsch nach Selbstdarstellung, die wahrgenommene Sicherheit der Daten sowie erneut die Reziprozitätsnorm beeinflussen die Veröffentlichung sensibler Daten (politische Gesinnung, Beziehungsstatus). Eine Teilgruppe von etwa 10 Prozent der Stichprobe ist überdurchschnittlich besorgt um die eigene Privatsphäre, machen aber trotzdem viele optionale Angaben in ihrem Profil: Hier bestand ein unerwarteter Zusammenhang mit dem Alter (denn: je älter, desto eher werden hoch sensible Informationen eingestellt).

Tobias Eberwein (Dortmund) präsentierte Befunde zu „Journalistischer Recherche im Social Web: Neue Potenziale, neue Probleme?“ – Einstieg war der Fall, dass bild.de für die Berichterstattung über den beinahe-Flugzeugabsturz in Hamburg auch das Profil der Co-Pilotin aus studiVZ als Recherchequelle benutzte [hier der Bildblog-Bericht]. Ihm ging es vor allem um die berufsethischen Konsequenzen für den Journalismus, die aus dem neuen Rechercheumfeld entstehen; dazu wurde eine Inhaltsanalyse (SZ, FAZ, Welt, FR, taz) mit Experteninterviews kombiniert, um den stellenwert von social-web-Quellen in der überregionalen Qualitätspresse zu ermitteln. Insbesondere die Wikipedia, zu bestimmten Themen aber auch Weblogs sind etablierte journalistische Quellen, wenngleich eine gewisse Unsicherheit unter den Gesprächspartnern herrscht, ob die notwendigen Kompetenzen zur kritischen Einschätzung von Quellen auch unter allen Journalisten vorhanden sind (wunderbar aktuell: Der elfte Vorname unseres neuen Wirtschaftsministers bei Wikipedia). Ob Netzwerkplattformen als Quelle für journalistische Recherche genutzt werden sollte, ist umstritten; die berufliche Identifizierungspflicht des Journalisten gilt auch hier, mit der (im Pressekodex geregelten) Ausnahme, dass verdeckte Recherche gerechtfertigt ist, wenn besonderes öffentliches Interesse besteht.

Leonard Reinecke und Sabine Trepte (Hamburg) sprachen schließlich zum Abschluß des Panels über den Stellenwert von Privatsphäre und der Bereitschaft zur Preisgabe intimer Informationen im Web 2.0. Sie diskutierten v.a. verschiedene Befunde zu den Auswirkungen der Web-2.0-Nutzung auf..

  • … den Stellenwert von Privatsphäre
  • … das Bedürfnis nach Selbstdarstellung
  • … dem Ausmaß an Sozialkapital
  • … dem Erwerb von Medienkompetenz

Eigene Daten werden die beiden in den kommenden Jahren in einem DFG-Projekt zu „Sozialisation im Web 2.0“ erheben.

Das zweite Panel eröffnete nach der Kaffeepause Anke Trommershausen (Hannover), die sich für die Frage interessiert, welche ethischen Herausforderungen sich TIME-Unternehmen1 in einer Situation stellen, wo Individualisierung, Personalisierung und Konnektivität in Netzwerken auf Produktions- wie auf Rezeptionsseite zur bestimmenden Organisationslogik werden? Ihre These: Das Kerngeschäft von TIME-Unternehmen besteht im zur-Verfügung-stellen von digitalen Netzwerkmedien (ich würde ergänzen: und kulturellen Ressourcen), die zunehmend das Soziale konstitutieren. Leider rächte sich bei ihrem Vortrag die Entscheidung der Tagungsorganisation, zwei ursprünglich parallel geplante Panels zusammen zu legen – ihr Vortrag musste sehr gerafft werden, und zur Diskussion der wirklich spannenden Fragen kamen wir nicht – dabei ist es m.E. eine sehr relevante Frage, welche unternehmensethischen Konsequenzen daraus folgen, dass die Infrastrukturen für öffentliche Kommunikation und Vergesellschaftung in privat-kommerzieller Hand sind.

Caja Thimm (Bonn) diskutierte die ethischen Konsequenzen des Zusammenfallens von Virtualität und Realität in Bezug auf „Identität in virtuellen Welten“ – mit Avataren und Selbstpräsentationen auf Profilen o.ä. als Scharnier. Auch sie musste leider recht zügig durch ihren Vortrag eilen; in der Diskussion tauchte u.a. die (letztlich offen gebliebene) Frage auf, ob sich durch das Zusammenwachsen auch die medienpädagogische Forderung bzw. Kompetenzvorstellung verändere, zwischen Virtualität und Realität trennen zu können?

Thomas Zeilinger (Nürnberg) näherte sich mit einer theologisch inspirierten Perspektive der Frage, ob es eine „Ethik sozialer Verbundenheit“ gebe. Sein Vortrag behandelte eine ganze Reihe von aktuellen Überlegungen und Diagnosen zum Stellenwert von persönlichen Öffentlichkeit, in denen sich Privatsphäre einerseits und Konnektivitäten bzw. Netzwerke andererseits überlappen.

Meine Präsentation ist unten eingebettet;sowohl schmeichelhaft als auch interessant fand ich den anschließenden Vortrag von Alexander Filipovic (Bamberg) – denn er rezipierte meine Unterscheidung von Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement, um sie auf ihre Tauglichkeit für eine „Anthropologie des Web 2.0“ zu überprüfen. Er interpretierte die Trias (völlig zu Recht!) als Deutung, als heuristischen Rahmen für die Analyse von Nutzungspraktiken. Identität, Beziehung, Information sind Lebensaufgaben, deren Bearbeitung prekärer wird – aber für die auch Werkzeuge im Social Web bereit stehen.

Michael Nagenborg (Tübingen) beschloß den Abend mit einem medienphilosophischen Vortrag über die Arbeiten von Albert Borgman. Ich muss gestehen, dass ich nicht mehr in allen Punkten folgen konnte; hängen geblieben ist die Unterscheidung (aus „Holding on to reality“, 1999) zwischen „information about reality“ (natürliche Informationen über die Wirklichkeit), „information for reality“ (kulturelle Informationen zur Verwirklichung) und „information as reality“ (technische Informationen als Ersatz für Wirklichkeit).

Den ersten Vortrag am 2. Tag hatte ich noch nicht mitbekommen; ich stieg ein bei Karsten Weber (Berlin), der „Einen kritischer Blick auf die moralische Selbstregulierung vonbecker Suchmaschinen mithilfe von Ethikcodizes“ warf. Googles „Code of Conduct“ sowie der Vorschlag  von Machill/Welp in „Wegweiser im Netz“ sind seiner Analyse nach „ethikfrei“, es ist also nicht klar, ob und ggfs. in welcher Form an ethische Grundpositionen angeknüpft wird. Dabei handelt es sich um keine rein akademische Frage: Die Frage, wie mit Googles Praxis umzugehen ist, in China Suchergebnisse quasi vorauseilend zu zensieren, ist beispielsweise durch den Code of Conduct nicht zu klären. Machill/Welp wiederum legitimieren Webers Ansicht nach Zensur durch einen Rekurs auf nationalstaatliche Regelungen („Illegale Inhalte sind zu entfernen“) – dadurch würde letztlich eine moralischer Relativismus befördert.

Matthias Künzler und Edzard Schade (von der Uni Zürich, dort u.a. im Forschungsschwerpunkt „Media Policy“) diskutierten, ob bzw. „Weshalb für Kommunikationsdienste im Web 2.0 spezifische medienethische Normen und  Regulierungsformen wichtig sind“. Ihr Aufhänger war die Kontroverse um die Internetaktivitäten öffentlich-rechtlicher Internet-Angebote und insbesondere die Frage, wie internetbasierte Medien und die durch sie konstituierten Öffentlichkeiten systematisch gefasst werden könnten. Sie plädierten für ein tripolares Modell der Regulierung, bei der neben Presse und Rundfunk auch die Themenöffentlichkeiten der Onlinemedien als eigene „Säule“ auftauchen – also gerade keine Analogien wie „elektronische Presse“ oder „Rundfunk im Internet“ benutzt werden sollten. Onlinemedien sollten, so die Anregung,  zwar öffentlich gefördert werden, aber eben nicht im Kontext öffentlich-rechtlicher Angebote. Stattdessen könnten z.B. nicht-profitorientierte Organisationen (Stiftungen o.ä.) Kultur-, Bildungs- oder Wissensplattformen aufbauen.

Den nächsten Vortrag habe ich leider nur noch am Rande mitbekommen, weil ich einige Anrufe tätigen musste; Theresa Züger (Köln) sprach u.a. am Beispiel des „Internet Governance Forum“ über neue Formen der politischen Öffentlichkeit. Mario Anastasiadis (Bonn) beschloß die Tagung schließlich mit einem Vortrag über Rechtsextremismus im Social Web. Ausgehend von einer Diagnose, dass die rechtsextreme Szene das Netz immer stärker nutzt2 stellte er verschiedene Gegen- und Abwehrstrategien vor:

  1. Monitoring mit ggfs. erfolgender Schließung/Sperrung von Inhalten
  2. Beschwerdesysteme („Online-Hotlines“)
  3. Selbstregulierung innerhalb der Communities

Erschwert werden diese Abwehrstrategien (a) durch die „Mobilität“ der Inhalte, die bei Sperrung erneut online bereit gestellt werden können sowie (b) den Trend zum Rückzug ins „Social Deep Web“, also in eigene Communities, die sich nach außen z.B. als Flirtportale o.ä. tarnen. Mögliche Lösungen sieht er in einer Verschärfung der Prüfungspflichten großer Anbieter, insbesondere aber im Gedanken einer „Wehrhaften Demokratie 2.0“, also dem Auftauchen und Zu-Wort-Melden der Bürger und zivilgesellschaftlichen Initativen.

  1. Damit sind Unternehmen aus den Branchen Telekommunikation, Information, Medien und Entertainment gemeint.
  2. jugendschutz.net ermittelte 2007 1.635 rechtsextreme Webseiten sowie mehr als 750 rechtsextreme Videos und Profile auf Social-Web-Plattformen.

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  1. Pingback: Recherche im Social Web — Ethische Perspektiven at coolepark.de

  2. Pingback: Web 2.0 und Medienethik [Konferenz-Bericht] | UnderTHEshower.com | Heinz Grünwald on Social Media, Travel, Mobile Life and sometimes more.

  3. Erschreckend finde ich die Ausführungen zu den sensiblen Daten, die man mit steigendem Alter freigiebiger im Netz verteilt. Gerade dann, wenn man älter wird, sollte man doch mal nachdenken und eher bereit sein, Verantwortung für sein Handeln zu tragen, bzw. weiter denken können, etwa so weit, dass eingestellte Daten auch leicht aufzuspüren sind. Der nachträgliche Ruf nach Datenschutz und Privatsphäre kann da gar nichts mehr bringen.

  4. Pingback: Schmidt mit Dete » Journalistische Ethik im Social Web

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