Schmidt mit Dete

Boateng und das Internet

| 6 Kommentare

(…) Zudem will ich anmerken, dass Sie als Soziologe sicherlich eine hervorragende Menschenkenntnis haben und bestimmt ein netter Typ sind.

Aber: Der Fall Boateng ist ene reine Sache, die sich über den Fußball erklären lässt. Diese Emotionen entstehen nur durch den Fußball. Deswegen sind diese Reaktionen bei Facebook usw. auch nur kurzfristig. Sie werden sehen, dass sich spätestens zur WM der Fall Boateng wiedergelegt hat.

Naja was ich damit sagen will ist, dass Sie sich bei solchen Themen als Soziologe lieber raushalten sollten. Unter anderem stellen Sie nämlich gleich wieder die Deutschen als Nazis dar. Ich denke unser geschichtlicher Hintergrund hat uns schon genug bestraft. Gerade Sie als stolzer Deutscher sollten doch bestrebt sein, dass dieses Image an Wert verliert.

(Aus einer Mail, die ich am 18.5. in Reaktion auf einen Artikel bei gmx.de erhielt)

Ich bin ja nun wirklich der Letzte, dem man mangelndes Interesse an Fussball vorwerfen könnte. Und doch meine ich, dass es derzeit wichtigere Themen gibt, als das Foul von Kevin-Prince Boateng an Michael Ballack, die WM-Chancen der deutschen Nationalmannschaft, und der Diskussion zu diesem Thema im Internet.

Aber ich habe in den vergangenen drei Tagen gefühlte 50 Prozent meiner Arbeitszeit mit Interviews und Stellungnahmen zu dem Thema verbracht, und auch oben stehende Mail erhalten, die ich… hmmm… interessant finde. Also werde ich einfach mal noch ein paar Gedanken zu dem Thema loswerden, auch und gerade als Soziologe. :-)

Zu Beginn stand ein Gespräch, das ich Dienstag mit einer dpa-Redakteurin geführt habe und in dem es um die Anti-Boateng-Gruppen auf Facebook sowie genereller um die unfreundlichen, teils auch rassistischen Kommentare gegen ihn in Internetforen, auf Twitter etc. ging. Die daraus entstandene dpa-Meldung wurde verschiedentlich unverändert veröffentlicht (z.B. auf gmx.de), teilweise um weitere Recherchen ergänzt (z.B. auf welt.de oder sueddeutsche.de), für die ich gelegentlich auch nochmal gesondert befragt wurde (z.B. auf swr.de), und sie war Ausgangspunkt für Hörfunkanfragen (z.B. Deutschlandfunk).

Zunächst mal eine grundsätzliche Feststellung zu meinem Zitat „Die Brutalität ist erschreckend“: Mir ist schon klar, dass rund um den Fussball relativ oft Bemerkungen oder Beschimpfungen fallen, die nicht jugendfrei, und leider oft auch rassistisch sind. Ich bin also nicht per se überrascht darüber, dass es sowas gibt – aber trotzdem erschrecke ich jedes mal, wenn ich mit solchen Sprüchen konfrontiert bin, ganz egal ob ich sie in den Fanrängen einer Arena um mich herum höre, in der U-Bahn oder eben in Internetforen. Auf die latente Fremdenfeindlichkeit und die außersportlichen Inszenierungen und Stigmatisierungen, die in der Diskussion um „Ghetta-Boateng vs. Capitano Ballack“ ebenfalls eine Rolle spielen, will ich hier gar nicht ausführlich eingehen, siehe dazu z.B. „Deutschlands Foul an Boateng“ oder den oben schon erwähnten SZ-Artikel sowie das ausgezeichnete ZEIT-Dossier über die beiden Boateng-Brüder.

Mir geht es eher um die kommunikativen Mechanismen, die zu dieser Aufschaukelung geführt haben; sie sind einerseits recht einfach zu erklären, andererseits aber auch wieder etwas komplexer – man kann eben nicht von der Hetzjagd in dem Internet sprechen. Einige Gedanken hierzu:

Die rasche Prominenz, die die ersten Anti-Boateng-Gruppen1 auf Facebook erhalten haben, sind Resultat der Schneeballeffekte, die in den persönlichen Öffentlichkeiten der Plattform entstehen können: Jede Person, die einer Gruppe beitritt, kommuniziert automatisch genau dies auch an den eigenen Kontaktkreis; so wird jedes neue Mitglied wiederum zum Multiplikator. Nimmt man hinzu, dass diese Gruppen vermutlich auch an anderen Stellen im Netz verlinkt waren, und dass über sie auch in den reichweitestärkeren Medien berichtet wurde, verwundert die Dynamik ihres Wachstums nicht.

Etwas komplizierter ist die Frage, warum Menschen solchen Gruppen beitreten und sich ggfs. auch abfällig, beleidigend, rassistisch o.ä. äußern. Zunächst mal sind die beiden Dinge voneinander zu trennen: Wer einer Gruppe beitritt, meldet sich nicht automatisch dort in der „Diskussion“ auch zu Wort – vielen reicht schon der Beitritt an sich als Statement, mit dem die eigene Haltung zu einem bestimmten Sachverhalt ausgedrückt (=auf dem eigenen Profil sichtbar und im eigenen Live Feed für das erweiterte soziale Netzwerk mitgeteilt) wird.

Eine beliebte Erklärung für ähnliche Online-Phänomene (Hassgruppen, Beleidigungen, etc.) ist die vorgebliche Anonymität bzw. Pseudonymität, aus der heraus man leicht schimpfen oder hetzen könne, weil ja keine Rückschlüsse auf die „echte Identität“ der Person möglich seien. Ich meine, dass nicht die Pseudonymität allein per se problematisch ist, sondern ein zweiter Faktor der Architektur von onlinebasierten Kommunikationsräumen wichtig ist: Auch in pseudonymen Umgebungen können sich Regeln des kommunikativen Umgangs miteinander herausbilden, wenn die Nutzer wiederholt miteinander in Kontakt kommen. Dann können nämlich relativ stabile Erwartungen, „Fremdbilder“ und Rollen entstehen – regelmäßige Nutzer eines Forums wissen z.B. einfach aus früherer Erfahrung, dass Nutzer „Muskelprotz74“ auf eine bestimmte Art kommuniziert, während Nutzer „Schnuffelbärchen“ gerne trollt und Nutzer „OldenburgRulez“ ein Newbie ist. Auf solche halbwegs stabilen „Online-Identitäten“ lässt sich reagieren, auch wenn man vielleicht gar nicht weiß, wer „Muskelprotz74“ in Wirklichkeit ist: ihr Verhalten lässt sich einordnen und ggfs. sanktionieren.

In kommunikativen Umgebungen, in denen Pseudonymität herrscht UND Nutzer nur einmalig oder punktuell zusammentreffen, steigen hingegen die Chancen für unreguliertes und problematisches kommunikatives Verhalten. In den Kommentaren bei YouTube-Videos zeigt sich dies m.E. immer besonders ausgeprägt; nicht zufällig verlässt sich YouTube zusätzlich auf technisch unterstützte Mechanismen zur Regulierung von Kommentaren (den Daumen hoch/runter-Knopf), denn eine vorrangig diskursive soziale Kontrolle ist unter der dort herrschenden  Kommunikationsarchitektur eher schwierig durch zu halten.

Facebook-Gruppen sind aus dieser Perspektive ein durchaus interessanter Fall: Nutzer treten dort in der Regel mit ihrer echten Identität und mit Klarnamen auf  (was zumindest theoretisch eher ‚dämpfend‘ bzw. mäßigend wirken sollte, weil man ja ggfs. negative Sanktionen zu befürchten hätte). Gerade in solchen spontan entstandenen Gruppen scheint aber die Erwartung nicht sonderlich groß, dort über einen längeren Zeitraum aktiv zu sein, weswegen man auch eher mal eine unüberlegte Äußerung tätigt. Ohnehin scheint mir die überwiegende Mehrheit derjenigen, die sich im Kommentarbereich bzw. der Pinnwand zu Wort melden, nicht per se rassistisch oder verhetzend, sondern eher erbost, wütend, aufgebracht – also eine Reaktion aus dem Moment heraus, ohne dass über die Konsequenzen der eigenen Meinungsäußerung groß nachgedacht wurde. Das entspricht m.E. auch dem Kommunikationmodus, der in persönlichen Öffentlichkeiten dominiert: Man publiziert nicht, sondern man unterhält sich und betreibt Konversation; man wägt nicht objektiv Argumente gegeneinander ab, sondern drückt seine subjektive Meinung aus – in diesem Fall zugegebenermaßen alles in einem eher rauher Tonfall.

  1. Die Ursprungsgruppe „82.000.000 gegen Boateng“ scheint inzwischen gelöscht zu sein.

6 Kommentare

  1. Lieber Herr Schmidt, vielen Dank für Ihren Artikel. Über die Reaktionen bei Facebook und die dort zu Tage tretenden Ressentiments war ich (auch?) entsetzt.
    BTW: Die Formulierung vom „Knöchel kaputt treten“ lässt über ihre Fußballaffinität keine Zweifel. ;)

  2. Julius, danke – aber die Formulierung mit dem Knöchel kaputt treten ist nicht von mir, sondern von der dpa. :-)

  3. Pingback: geloggd » Rezipienten- und Publikumsethik im Web 2.0 «

  4. Interessanten Thema. Im Internet kommen immer wieder solche Reaktionen vor-auch bei ernstere Themen wie bei der Loveparade: innerhalb Minute wusste schon jeder wer bestraft werden soll, wieso, warum und das ganze geschmuckt von Mord-Totschlag Gedanken….die Menschen sind echt komisch.

  5. Naja also Facebook hat sehr viele Fake-Accounts, und die Techniker von Facebook sind da auch heftig hinterher das zu verhindern, aber es wird ihnen nie gelingen, dafür ist das einfach ein viel zu lohnendes Feld für Mißbrauch. Wer glaubt auf FB mit echten Menschen zu tun zu haben dem ist echt nicht mehr zu helfen…

    [JS: So fake wie die „Helena“ in dem Blog, das Du hier – dummerweise mit Tippfehler in der URL – verlinkst? :-)]

  6. Pingback: Schmidt mit Dete » Boateng und das Internet – uxMemo

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.