Schmidt mit Dete

Kolloquium: Das Buch als Debattenmedium

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Während rechts neben mir die norddeutsche Tiefebene vorbeirauscht und links von mir ein Geschäftsreisender gerade via Handy feststellt, dass er erst um Mitternacht in Itzehoe ankommt und dann über 100 Euro Taxikosten für die Weiterfahrt nach Pampabek1 zahlen muss, will ich mal den heutigen Tag zusammenfassen. Der hatte es nämlich in sich.

Eigentlich fing es gestern schon an, denn da brach ich nach Mainz auf, um am XIII. Mainzer Kolloquium des Instituts für Buchwissenschaft teilzunehmen – Thema war „Das Buch als Debattenmedium“. Ich kam im Hotel „Am Römerwall“ unter, was sehr schön in einer alten Villa in der Nähe vom Bahnhof untergebracht ist, aber eigentlich Teil der gleichnamigen Klinik ist, die sich auf Tinnitus, Gesichtsnervlähmungen und ähnliche unangenehme Dinge spezialisiert hat. Heute erfuhr ich dann, dass meine Unterbringung dort auf einem Mißverständnis beruhte, denn eigentlich hätte ich ins Hotel Römerstein gebucht werden sollen, doch irgendwas ging irgendwo irgendwie durcheinander.. :-) Aber kein Problem, ich kann mich über das Hotel „Am Römerwall“ nicht beklagen, und es ist auch nicht wirklich weit vom Mainzer Campus entfernt. Selbst der Umstand, dass mich die freundliche Dame an der Rezeption mit ihrer Wegbeschreibung ein wenig verwirrte und ich einen kleinen Umweg zur Universität lief, machte nicht viel aus: Erstens schien in Mainz heute die Sonne, und zweitens kam ich so am Bruchweg vorbei, allen Fussballfans als Adresse des Mainzer Stadions bekannt.

Der Vortragssaal war vormittags gut gefüllt (150 Personen, würde ich mal so tippen), und nach der Begrüßung durch die Organisatoren Prof. Fischer (Mainz) und Prof. Bläsi (Erlangen) eröffnete Volker Neumann die Vorträge des Kolloquiums. Der ehemalige Leiter der Frankfurter Buchmesse und jetzige Marketingleiter des Pendo-Verlags präsentierte Überlegungen zum „strategischen Marketing für das populäre Sachbuch“ – da der Pendo-Verlag u.a. das „Eva Prinzip“ von Eva Herman veröffentlichte, gab es diverse Einblicke in die teils geplanten, vor allem im letzten Herbst jedoch zunehmend ungeplanten Medienpartnerschaften. Rainer Weiß und Anya Schutzbach dagegen befinden sich in einer noch vergleichsweise frühen Phase: Ihr neu gegründeter Weissbooks-Verlag wird erst in einem Monat die fünf Premierentitel ausliefern, doch ihr Vortrag – „wir haben nichts zu präsentieren als unsere Geschichte“ – war voller persönlicher Bemerkungen und Anekdoten aus den vergangenen Monaten: Ob über den Zürcher Rechtsanwalt, der mit Käsebrötchen auf den Knien die erste Investition in den zu gründenden Verlag zusagte; über die drei Monate, die mit dem Schreiben des Business Plans zugebracht wurden; über die Gestaltung des verlegerischen wie des gestalterisch-ästhetischen Profils; oder über den Umstand, dass ein Verlag für die Öffentlichkeit (und die eigene Mutter) erst dann existiert, wenn er in der Presse erwähnt wird.

Nach der Mittagspause wurde es dann kommunikationswissenschaftlich: Patrick Rössler sprach über „Medienwirkungen auf/durch Bücher“ und handelte nacheinander die Innovations-Diffusionstheorie von Rogers, die Meinungsführerkonzepte und das intermediale Agenda-Setting ab. Ich weiß nicht, inwiefern das Buchwissenschaft-Studium auch kommunikationswissenschaftliche Anteile enthält; falls nicht befürchte ich, dass es das Publikum etwas erschlagen hat… Sehr anschaulich war aber das Fallbeispiel zu „Oprah’s Pick„, dem Scharnier zwischen der amerikanischen Talkshow von Oprah Winfrey und ihrem Buchclub. Nicht nur, dass die Buchempfehlungen im TV einen unglaublichen Einfluss auf die Verkaufszahlen haben – der Buchclub ist auch noch so aufgebaut, dass die Formierung lokaler Lesezirkel gefördert wird und regelrechte „Lesepläne“ aufgestellt werden („bis nächste Woche lesen wir die ersten 100 Seiten von ‚Säulen der Erde'“)2.

Nach Rössler war Kollege Jürgen Wilke an der Reihe, der über Journalisten als Buchautoren sprach. Zu diesem Thema gibt es so gut wie keine Studien, und Wilke systematisierte daher zunächst einmal das Feld, indem er eine Reihe von Gattungen des „Journalisten-Buchs“ unterschied, darunter die Praktiker-Literatur, die professionelle Medien- und Berufsfeldanalyse (in der über die Rolle der Medien allgemein reflektiert wird) oder die Skandal- & Enthüllungsbücher, aber auch Belletristik oder Lebensberatung wird von Journalisten verfasst. Im Grunde ist es wohl eher schwierig, ein literarisches Feld zu entdecken, auf dem sich Journalisten NICHT tummeln (sogar in Second Life werden sie ja schon gesichtet…); eine These von Wilke war, dass die Publikation von Büchern dem Journalisten Freiräume jenseits der Zwänge zur Tagesaktualität und Kürze schaffen könne.

Das letzte Drittel eröffnete Matthias Matussek, bis vor kurzem Kulturchef beim Spiegel, und inzwischen freier Buchautor und Publizist. Er sprach am Beispiel seines Bestsellers „Wir Deutschen“ über „die medialen Wellenringe eines Buches“, also den Umstand, dass Bücher in verschiedenen Etappen unterschiedlich intensiv in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Mich hatte er (nach voriger Absprache) kurzerhand zur Kamerakind ernannt, d.h. ich habe zwischendrin immer mal wieder kurze Videoclips mit seiner Digitalkamera festgehalten, die vermutlich in einer der nächsten Folgen seines Videoblogs auftauchen. Deswegen konnte ich auch keine Notizen machen – ich empfand den Vortrag als sehr kurzweilig und unterhaltsam; ich werden eine Reihe der Anwesenden in naher Zukunft das Buch anschaffen.

Abschließend war ich dann an der Reihe, mein Vortrag zur „Macht der Blogosphäre – Schnittstellen zwischen alten und neuen Öffentlichkeiten“ ist unten via slideshare dokumentiert. Das erste Drittel stellt Weblogs in ihren Grundzügen vor, der Rest befasst sich mit dem Entstehen von Öffentlichkeiten in der Blogosphäre sowie den Wechselwirkungen zwischen Weblogs und etabliertem Journalismus. Treuen Leser/innen meines Blogs wird das bekannt vorkommen; neu sind tatsächlich allenfalls die Gedanken zu den verschiedenen Wechselwirkungen zwischen Blogs und Büchern (bei denen mir Eure Kommentare in diesem Beitrag sehr weiter geholfen haben). Anke Vogel, Mitarbeiterin von Prof. Fischer, hat in einem Seminar zu „Buch und Web 2.0“ unlängst jedoch deutlich tiefer schürfen können und will mir ihre Gedanken zu einer Systematisierung einmal zuschicken; wenn ich darf, werde ich sie hier auch teilen.

In der Diskussion kamen wir auf die Themenkarrieren von Debatten zu sprechen3 und ich konnte einmal mehr blogpulse.com demonstrieren. Diesmal fütterten wir die trend search mit „Jens Jessen“, „Matthias Matussek“ und „Eva Herman“ – ein eindeutiger Sieg für die Vertreterin der neuen Weiblichkeit, bei der insbesondere die zwei Peaks im letzten Herbst (Entlassung beim NDR und Abgang bei Kerner) herausstechen. Die erregte Debatte um die Äußerungen von Jens Jessen über deutsche Spießerrentner und Jugendkriminalität scheint vor allem in den Feuilletons, aber weniger in den Blogs geführt zu werden. Ich glaube auch nicht (so dann auch meine Antwort auf eine entsprechende Frage), das dieses Beispiel als Beleg für einen möglichen stärkeren Einfluss deutschsprachiger Blogs auf breitere Debatten dienen kann; die Äußerungen von Jessen hätten keinen solchen Wirbel verursacht, wenn sie eben nicht vom Feuilletonchef der ZEIT, sondern von einer Privatperson gekommen wären, (Video)Blog hin oder her.

Leider musste ich relativ zeitig nach der Veranstaltung wieder zum Zug (habe mich auf dem Weg aber noch sehr nett mit Martin Fisch von der ZDF Mediaforschung unterhalten) und konnte nicht mehr beim abschließenden Abendessen dabei sein. Aber das trübt meinen Eindruck von der Veranstaltung nicht: Ein sehr interessanter, oft auch kurzweiliger Tag mit spannenden Vorträgen. Danke für die Einladung!

  1. oder so, ich hab den Namen nicht mitbekommen, es muss aber ganz schön weit weg sein
  2. Vor einiger Zeit erschien in den Media-Perspektiven ein Aufsatz von Michael Jäckel, der sich ebenfalls mit diesem Phänomen auseinandersetzt.
  3. Rainer Weiss hatte in seinem Vortrag vormittags den schönen Satz gesagt: „Heute gibt es keine Debatten mehr, sondern nur noch Scharmützel, die nach wenigen Wochen wieder beendet sind.“

3 Kommentare

  1. Herr Schmidt!!!!!!
    Übers HSV-Fan-sein kann ich noch hinwegsehen, für Hosenträger-Matussek das Kamera-Kind spielen vielleicht auch gerade noch, aber Werbung für sein Buch machen, dass geht dann doch zu weit.

  2. Danke. Ich kann die Gedankengänge meines Vorredners „Andrew“ leider nicht ganz nachvollziehen.

    Achja der Link zu dem Podcast fand ich recht informativ.

    Danke :-)

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