Schmidt mit Dete

StudiVZ-Nutzer, umgebt Euch mit attraktiven Freunden!

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Wenn ich im Zusammenhang mit Weblogs oder Social Networking Sites von den beiden Aspekten bzw. Strategien des „Identitätsmanagements“ und des „Beziehungsmanagements“ spreche, nehme ich eine analytische Trennung vor: Schaut man sich die Nutzungspraktiken an, besteht ein enger Zusammenhang zwischen (1) Art und Umfang der Informationen, die ich über mich selbst, meine Interessen, Kompetenzen oder Erlebnisse veröffentliche, und (2) Art und Umfang der sozialen Beziehungen, die ich im Blog oder auf einer Plattform artikuliere und knüpfe. So steigere ich beispielsweise durch das Offenlegen von Kontaktinformationen oder von Hinweisen auf meine Hobbies und Interessen die Chance, mit bereits bekannten oder gleichgesinnten Personen in Kontakt zu treten. Andererseits sagen die sichtbaren Resultate meines Beziehungsmanagements auch etwas über meine eigene Persönlichkeit aus: Welche anderen Weblogs verlinke ich oder nehme ich in meine Blogroll auf? Welche Personen füge ich bei studiVZ oder XING zu meinen Kontakten hinzu? Dies sind Hinweise, die bewusst oder unbewusst von anderen „entschlüsselt“ werden können.

Soviel der theoretischen Vorrede – in der letzten Ausgabe von „Human Communication Research“ ist ein sehr interessanter Artikel erschienen, der sich einigen dieser Zusammenhänge widmet:

Walther, Joseph B./Van der Heide, Brandon/Kim, Sang-Yeon/Westerman, David/Tom Tong, Stephanie (2008): The Role of Friends’ Appearance and Behavior on Evaluations of Individuals on Facebook: Are we Known by the Company We Keep? In: Human Communication Research, Vol. 34, 2008, S. 28-49.

Die Forschergruppe hat ein Experiment mit N=389 Studierenden durchgeführt; den Probanden wurden manipulierte Facebook-Profile vorgelegt, bei denen a) Fotos mit attraktiven vs. unattraktiven Freunden sowie b) positive bzw. negative Kommentare von Freunden auf der „Wall“, also der Facebook-Pinnwand enthalten waren. Die Informationen (Bild, Hobbies, …) des „Profileigners“ waren neutral gehalten, d.h. es wurden diejenigen Informationen und Eindrücke variiert, die mit dessen sozialen Netzwerk zusammenhängen. Im Fall von a) geht es um die Bekannten des Profileigners, im Fall von b) um deren Eindruck vom Profileigner. Gemessen wurden anschließend die Eindrücke, die die Teilnehmer des Experiments vom Profileigner hatten. Dabei gab es einige interessante Befunde:

  • Die Attraktivität von Personen im Freundeskreis erhöht die wahrgenommene eigene Attraktivität, sowohl körperlich als auch sozial („wäre ich mit der Person gerne befreundet?“). Unattraktive Freunde verringern demgegenüber die wahrgenommene eigene Attraktivität. Entgegen der Ausgangshypothese der Forscher hat dagegen die Attraktivität der Freunde keinen Einfluss auf die wahrgenommene „task competence“, also die Frage, ob der Profileigner Aufgaben gut und zuverlässig erledigt etc.
  • Positive Kommentare auf der Pinnwand (z.B. „Chris, I just gotta say you rock! U were the life of the party last night, all my friends from home thought you were great!“) erhöhen die wahrgenommene soziale und aufgabenbezogene Attraktivität – es zahlt sich also aus, wenn einen die eigenen Freunde loben.
  • Bei negativen Botschaften (z.B. „WOW were you ever trashed last night! Im not sure Taylor was that impressed“) gab es den interessanten Effekt, dass die Probanden1 exzessives Trinken, Flirten mit unattraktiven Personen oder Promiskuität nicht durchgängig als negativ ansahen – abhängig vom Geschlecht des Profileigners. Bei Männern erhöhten entsprechende Kommentare die Attraktivität, bei Frauen verringerten sie sie.

Nun ist gerade der letzte Umstand nicht auf Facebook oder ähnliche Online-Plattformen beschränkt, sondern (wie die Autoren auch argumentieren) vielmehr Beleg für den „sexual double standard of social judgements“, also die Tatsache, dass bestimmtes Verhalten (insbesondere sexuelle Promiskuität) bei Männern eher positiv, bei Frauen eher negativ bewertet wird. Auch die anderen Befunde zeigen m.E. vor allem, dass sozialpsychologische Prozesse aus der Offline-Welt eben auch im Internet gelten – insbesondere auf Kontaktplattformen, wo ja vergleichsweise viele Reize und Hinweise zur Verfügung stehen (wenn man sie bspw. mit Chatrooms vergleicht, wo Interaktionen flüchtiger und oft „pseudonymer“ sind). Interessant ist die Studie aber auch, weil sie den oben geschilderten Zusammenhang zwischen Beziehungs- und Identitätsmanagement in einer Facette besser ausleuchtet. Und sie wirft eine Frage auf, die man allgemeiner auch auf das Verhältnis von Privatsphäre und (Plattform-)Öffentlichkeit beziehen kann: „Future research may also explore the perception of who ‚owns’ the comments that appear in one’s Facebook wall: owners, friends, or both?“ – persönliche Daten auf einer Netzwerkplattform sind sehr oft “relational”, das heißt sie treffen Aussagen über mindestens zwei Personen.

  1. Studierende, also eine der Hauptzielgruppen von Facebook

22 Kommentare

  1. An dieser Stelle möchte ich hervorheben, dass ich Jan Schmidt als Xing-Kontakt habe. Jaja.

  2. Allerdings ist unklar, ob sich das nun negativ oder positiv auf Dich auswirkt.. Aber ich kann ja gerne mal in Deinem Blog ein paar Kommentare hinterlassen, wieviel Bier Du auf meiner Einweihungsparty getrunken hast… :)

  3. Wie gut, dass ich auf Deiner Einweihungsparty fast nur Bionade trank.

    Ich bin übrigens viel erfolgreicher, beliebter und attraktiver seitdem Du mein XING-Freund geworden bist. Danke, Jan.

    (Eine weitere Steigerung meiner Attraktivität könnte ich jetzt vermutlich nur noch durch das Löschen von mspro aus meinen Kontakten erreichen. Jemand mit einem derartig ausgeprägten Bierdurst kann der eigenen Reputation nur schaden.)

  4. In Sachen Bierdurst möchte ich mal eine signifikante Relation zum Wohnort hypothetisch annehmen. Wäre eine ergänzende Dimension zum Geschlecht: der Faktor RealLife in virtuellen Gemeinschaften.

  5. Ich sollte auch mal versuchen den Herrn Schmidt in meine Xing Kontaktliste zu bekommen. Das Treffen beim Wordcamp war zu kurz und ist somit als soziale Reputation nicht aussagekräftig genug.
    Mal schauen ;-)

  6. Was wollt ihr alle mit mir in Euren Kontakten? Sagt der beschriebene Artikel nicht gerade aus, dass man da besser selektiv vorgehen sollte? :)

  7. Da wüsste ich jetzt gerne mal den Grund, was Du mit uns allen in Deinen Kontakten willst ;-)

  8. Jan Schmidt, ich lösch Dich.

  9. Ach ja, kannst Du mal Deinen vielen Leser etwas Gutes tun und hier Subscribe-to-Comments einbauen? Wie soll man hier sonst die wirklich spannenden Diskussionen verfolgen?

  10. Für’s Erste gibt’s ja immerhin den Kommentar-Feed: http://www.schmidtmitdete.de/comments/feed

  11. @Regine: Ich will doch hier nicht alle Kommentare lesen. Kommentarfeeds sind irgendwie auch leserunfreundlich. Das müllt auf Dauer den Feedreader voll. E-Mail-Abos sind klasse: irgendwann ist der Beitrag und die Kommentare dazu durch – und dann gibt es auch keine Mails mehr. Subscribe-to-Comments hat sich ganz zu Recht durchgesetzt.

  12. @bosch: Da hast Du absolut Recht ;-)

  13. ok ok, ich installier das comment-abo-plugin.. :) aber erst, wenn ich vernünftigere connection habe; im moment werd ich alle paar minuten rausgeworfen..

  14. Pingback: Schmidt mit Dete » “Subscribe to comments” eingebaut

  15. Verdammt. Jetzt habe ich tatsächlich den wichtigsten Teil der Kommentare verpasst, weil das Subscribe-to Plugin noch nicht aktiviert war… ;-)

  16. Pingback: » Netzwerkplattformen als journalistische Recherchequelle? Jugendliche und Web 2.0: Ein Projektblog des Hans-Bredow-Instituts und der Universität Salzburg

  17. Pingback: » Steigt die Attraktivität mit der Anzahl der Freunde? Jugendliche und Web 2.0: Ein Projektblog des Hans-Bredow-Instituts und der Universität Salzburg

  18. Pingback: Schmidt mit Dete » Lobos Law: Steigt die Attraktivität mit der Anzahl der Freunde?

  19. Pingback: Attraktivität im social web « Wechselwirkungen

  20. Interessante Studie. Mich würde zusätzlich auch interessieren, wie die Attraktivität gemessen wurde. Wurden da Bilder als attraktiv gewertet, die beispielsweise bei Online-Voting-Portalen einen gewissen Höchstprozentsatz erreichten?

  21. Sehr interessant, ist sicher in vielen Fällen etwas dran. Sind aber teilweise sehr viele Fremdwörter drin, die ich erstmal nachforschen musste ;-)

  22. @David: Ich hab den Artikel grad nicht greifbar, aber ich glaube, sie hatten Portraitfotos vorab von einer anderen Gruppe beurteilen lassen und aus dieser Vorstudie dann die attraktiven vs. unattraktiven Bilder gewählt.

    @Fabian: Tja, bei den eher akademischen Einträgen komm ich um gewisse Fremdworte nicht herum… :)

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