Im letzten Jahr habe ich mit meinen Bredow-Kolleg:innen Azade Kakavand und Philipp Kessling an einer empirischen Analyse gearbeitet, die jetzt als Arbeitspapier bei der Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen ist.
Kakavand, Azade / Kessling, Philipp / Schmidt, Jan-Hinrik (2026): Netzwerke der Meinungsbildung. Kommunikationsdynamiken im Umfeld der Bundestagswahl 2025. FES Analyse. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. Online verfügbar: https://collections.fes.de/publikationen/download/pdf/2184561.
Unser Ziel war, die Bedeutung verschiedener Diskursarenen für den Verlauf politischer Debatten zu untersuchen. Philipp und Azade haben dazu sehr aufwändig aus den Kommunikationsdaten verschiedener Arenen (darunter Telegram, TikTok, Printmedien oder TV-Talkshows) semantische Diskursnetzwerke zu drei verschiedenen Themen (s.u.) erstellt und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Diskurssegmenten kartiert. Ich zitiere mal länger aus der Zusammenfassung
Die Studie analysiert, wie digitale Medien politische Debatten prägen. Betrachtet werden drei Fälle im Zeitraum November 2024 bis Oktober 2025: die Wahl neuer Richter:innen für das Bundesverfassungsgericht, die Messerattacke in Aschaffenburg und die Diskussion um das Bürgergeld. Um die Diskursdynamiken nach zu zeichnen, werden Daten aus publizistischen Medien- (Print, TV, Talkshows) und Social-Media-Plattformen (Telegram, TikTok) untersucht. Die Studie unterscheidet zwischen Diskursarenen des Zentrums und der Peripherie und zeigt, wie diese miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen.
- Beim Diskurs um die Wahl neuer Richter:innen dominiert zunächst Telegram, danach übernehmen die Zentrum-Medien die Debatte; wobei die Kritik an Frauke Brosius-Gersdorf breit geführt wird, die Kritik an Ann-Katrin Kaufhold jedoch nur auf Telegram zu finden ist.
- Die Messerattacke in Aschaffenburg wird gleichzeitig auf Telegram und in den Medien diskutiert, wobei Telegram-Beiträge etwas früher erscheinen und Medienberichte mehr Informationen enthalten; der Diskurs ist in ein größeres Netzwerk migrations- und sicherheitspolitischer Themen eingebettet.
- Die Debatte über das Bürgergeld ist im Vergleich weniger ereignisgetrieben und wird hauptsächlich in den Zentrum-Medien geführt, während nur vereinzelte Diskursstränge auf Telegram auftauchen, meist in Verbindung mit migrationspolitischen Aspekten.
Die Ergebnisse bestätigen frühere Befunde: Rechtspopulistische Akteur:innen am Rand nutzen „Issue Ownership“, um Themen wie Migration in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen und ihren Narrativen Wirkmacht zu verleihen. Durch die hybride Öffentlichkeitsstruktur – Kombination von journalistischen Medien und Social Media – werden Debatten dynamischer, unübersichtlicher und offener. Akteur:innen am Rand können leichter Sichtbarkeit erlangen, wobei ihre Argumente häufig in zentrale Diskurse überlaufen und politische Entscheidungen beeinflussen.
