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Rezension zu „Kollektivität und Macht im Internet“

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Vor kurzem ist Ausgabe 4/2018 der Zeitschrift „Medien & Kommunikationswissenschaft“ erschienen, zu der ich (auf S. 563-564) die folgende Rezension des Buches „Kollektivität und Macht im Internet“ (Dolata/Schrape 2018) beigesteuert habe.

In den 2000er Jahren gerieten die partizipationsfördernden Potenziale der digitalen Medien im Fokus, und Schlagworte wie „nutzergenerierte Inhalte“ oder das „Mitmachnetz“ bestimmten den Diskurs. Mittlerweile aber stehen statt der aktiven und ermächtigten Nutzerinnen und Nutzer die dominanten Social-Media-Plattformen und algorithmischen Intermediäre im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, und die Perspektive hat sich auf Fragen der Kontrolle oder gar Manipulation von Öffentlichkeit verlagert. Ulrich Dolata und Jan-Felix Schrape (beide in der Abteilung „Organisations- und Innovationssoziologie“ der Universität Stuttgart beheimatet) haben hierzu in den vergangenen Jahren eine Reihe von Arbeiten vorgelegt, die auch für die Kommunikationswissenschaft einschlägig und instruktiv sind. Zunächst als Diskussionspapiere veröffentlicht, sind vier dieser Texte nun aktualisiert und in Teilen erweitert als Sammelband publiziert worden.

Im ersten Aufsatz nehmen Dolata/Schrape eine akteurs- und handlungstheoretische Analyse von Formen internetbasierter Kollektivität und der Rolle von technischen Infrastrukturen für deren Formierung und Aufrechterhaltung vor. Digitale Medientechnologien fungieren demnach als „Infrastrukturen des Kollektiven“ (S. 18), etwa indem sie Handeln wechselseitig beobachtbar machen. Doch nicht immer komme es auf dieser technischen Grundlage auch zu einer Institutionalisierung kollektiven Handelns in Gestalt von kollektiven Akteuren (etwa soziale Bewegungen), die stabile Koordinations- und Entscheidungsstrukturen herausbilden. Vielfach bleibe es bei nicht-organisierten Kollektiven (wie etwa den „Schwärmen“ oder „Crowds“), die situativ und meist flüchtig aufeinander bezogenes kollektives Verhalten artikulieren, aber keine Entscheidungs- und Strategiefähigkeit besitzen.

Der zweite Aufsatz von Dolata vertieft diese Überlegungen und diskutiert die Transformation von sozialen Bewegungen in und durch digitale(n) Medien. Dem einflussreichen und prägnanten Konzept  der „connective action“ (Bennet/Segerberg 2012) wirft Dolata vor, die Rolle von Technik für soziale Bewegungen nicht näher zu analysieren und nur ihr ermöglichendes Potenzial zu fokussieren, sie letztlich aber als „black box“ zu behandeln. Er setzt dem eine Perspektive entgegen, digitale Medien (speziell die sozialen Medien) als Infrastruktur und Institution zugleich zu begreifen, in die eigene handlungsstrukturierende Regeln eingeschrieben seien. Dies führe dazu, dass die Handlungsautononomie von sozialen Bewegungen erweitert und eingeschränkt zugleich sei – erweitert, weil unstrittig die Möglichkeiten gestiegen sind, für die eigenen Interessen zu mobilisieren oder Protest kollektiv zu artikulieren; eingeschränkt, weil vor allem die dominanten Intermediäre diese Möglichkeiten durch Veränderungen in Algorithmen oder Schnittstellen jederzeit beschneiden können und zudem jegliches Handeln verdaten, aggregieren und so ökonomischer wie staatlicher Überwachung zuführen.

Der dritte Aufsatz widmet sich einer weiteren Facette von Kollektivität in digitalen Medien, nämlich den „Open-Source-Communities“. Schrape zeichnet zunächst nach, wie seit den 1980er Jahren die Idee von „Free Software“ bzw. „Open Source“ von einer Utopie zu einer verbreiteten Arbeits­methode in der Softwareentwicklung wurde und mittlerweile eine zentrale Innovations­strategie ist, die auch die Produkte von IT-Konzernen wie Microsoft, Apple oder Google prägt. Eine simple Gegenüberstellung – hier die ehrenamtlich von Tüftlern und Enthusiasten bearbeiteten open-source-Projekte, dort die in Großkonzernen mit Profitinteressen erstellten proprietären Lösungen – ist demzufolge längst nicht mehr angemessen. Schrape schlägt alternativ eine Einteilung vor, die den Dimensionen der „Koordination“ (hierarchisch vs. heterarchisch) und Unternehmenseinfluss (hoch vs. niedrig) folgt und so vier „idealtypische Varianten quelloffener Softwareprojekte“ (S. 85ff.) unterscheiden kann.

Der abschließende vierte Aufsatz nimmt schließlich die großen Internetkonzerne Google, Facebook, Microsoft und Apple aus einer dezidiert machtsoziologischen Perspektive in den Blick. Anhand von wirtschaftlichen Kerndaten, Chronologien von Firmenübernahmen sowie einer konzisen Übersicht von Expansionsfeldern und Hauptkonkurrenten rekonstruiert Dolata die ausgeprägte ökonomische Macht dieser vier Konzerne. Er konstatiert aber auch, dass deren Markt- und Machtpositionen durchaus volatil seien und vor allem auf (temporären) Innovationsvorsprüngen beruhen. Zwar seien diese Konzerne, wie bereits Schrape in seinem Beitrag zuvor ausführt, auch an quelloffenen Softwareprojekten und Entwicklungsgemeinschaften beteiligt, doch im Kern ihrer wettbewerblich relevanten Forschung und Entwicklung verfolgten sie ein geschlossenes und proprietäres Innovationsmodell. Daraus resultiere eine zweite wesentliche Facette ihrer Macht, nämlich die infrastrukturelle und regelsetzende Macht – was wiederum zurückverweist auf die Gedanken der ersten beiden Aufsätze, Technik als wesentliche Bedingung internetbasierter Kollektivität zu betrachten.

Die Lektüre der einzelnen Beiträge lohnt sich meines Erachtens, weil sie in vielen Aspekten hochgradig anschlußfähig an kommunikationswissenschaftliche Theorien und Modelle sind. Die akteurstheoretischen Ausführungen des ersten Beitrags etwa lassen sich m.E. gut mit dem sozialkonstruktivistischen Konzept der kommunikativen Figuration von Hepp/Hasebrink (2017) verbinden, aber auch an die masse- und komplexitätstheoretischen Überlegungen von Neuberger (2017) oder Waldherr anknüpfen. Und die Ausführungen zur Macht von Plattformen und Informationsintermediären (einschließlich möglicher Alternativen) sind für alle hilfreich, die sich mit der Frage befassen, wie digitale Medien gegenwärtig Öffentlichkeit und Meinungsbildung wie auch alltägliche Sozialität prägen.

  • Bennett, W. Lance; Segerberg, Alexandra (2012): The logic of connective action. Digital media and the personalization of contentious politics. In: Information, Communication & Society 15 (5), S. 739–768. DOI: 10.1080/1369118X.2012.670661.
  • Hepp, Andreas; Hasebrink, Uwe (2017): Kommunikative Figurationen. Ein konzeptioneller Rahmen zur Erforschung kommunikativer Konstruktionsprozesse in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 65 (2), S. 330–347.
  • Neuberger, Christoph (2017): Die Rückkehr der Masse. Interaktive Massenphänomene im Internet aus Sicht der Massen- und Komplexitätstheorie. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 65 (3), S. 550–572. DOI: 10.5771/1615-634X-2017-3-550.
  • Waldherr, Annie (2017): Öffentlichkeit als komplexes System. Theoretischer Entwurf und methodische Konsequenzen. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 65 (3), S. 534–549. DOI: 10.5771/1615-634X-2017-3-534.

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