Schmidt mit Dete

Wie ich die Ex-Verlobte von Marc Andreesen kennenlernte

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Gibt es einen besseren Weg, mein gerelaunchtes Weblog offiziell zu beginnen, als mit einer Urlaubsgeschichte, noch dazu einer, in der ich die Ex-Verlobte von Marc Andreesen kennenlerne?1 Ich denke nein…

Wir schreiben Freitag, den 12.10. Meine Route für den Tag (hier zu sehen) begann in Meridian, Idaho, wo ich gegen neun Uhr in Richtung Nordwesten aufbrach. Die ersten Stunden ging es durch die recht kahlen, wüstenartige Landschaften von Idaho und Oregon – anscheinend vulkanisches Gelände, wenn ich diesen Artikel richtig verstehe. Ein kurzer Abstecher zum Oregon Trail Museum in Baker City brachte ein wenig Abwechslung, doch wenn ich ehrlich sein soll, war es ansonsten schon etwas fad, immerzu nur niedriges Gestrüpp und einen Hügel nach dem anderen zu sehen.

Bezeichnend, dass die rechtskonservative Talk Radio Show von Sean Hannity auf Kurzwelle schon die meiste Abwechslung bedeutete – denn da ging es so richtig zur Sache; am tollsten der Moment, als zwei ca. 12jährige Mädchen ins Studio durchgestellt wurden, die für ein Schulprojekt wissen wollten: „Do you think America is ready for a female president?“ – und Hannity bestimmt 5 Minuten ohne Punkt und Komma redete, mit der einzigen Botschaft: Hillary Clinton ist der Teufel höchstpersönlich!

Irgendwann am Nachmittag war ich dann in Ellensburg angelangt, wo ich den Interstate Highway verlassen und nach Norden in die Berge abbiegen konnte. Kurze Stichproben ergaben, dass das Radioprogramm nicht besser wurde – jetzt gab es den Bibelkanal… Aber die Landschaft war bedeutend abwechslungsreicher, mit den tollen Farben des Indian Summer, und dazu eine wunderbare kurvenreiche Strecke durch die Berge. Excellent driving – es lohnt sich einfach, soweit wie möglich nur diejenigen Strecken zu fahren, die als „scenic routes“ im Straßenatlas gekennzeichnet sind… :)

Mein Ziel für den Tag sollte Wenatchee sein, wo ich gegen halb sieben abends dann auch ankam. Problematisch nur: Es gab keine Motelzimmer mehr in der Stadt. Zumindest nicht in den drei Motels, in denen ich nachgefragt habe – und wir reden hier von einer Stadt mit etwa 35.000 Einwohnern, d.h. eigentlich unzählige Übernachtungsgelegenheiten an den Ausfallstraßen und Highways. Aber wie das Leben so spielt: Gerade an diesem Wochenende war a) das „Apple Cup Soccer Tournament“ [Apple meint in diesem Fall nicht die Computerfirma, sondern das Obst – die Gegend dort hat unzählige Obstfelder] und b) im relativ benachbarten Leavenworth das Oktoberfest, das Touristen aus den ganzen USA anzog.

Dumm gelaufen – da half alles Jammern nicht, dass ich doch selbst aus Bayern käme und es doch wirklich unfair sei, wenn ich jetzt darunter zu leiden hätte, dass die Amis mal so richtig einen auf old Europa machen wollten… Im dritten Motel bot man mir immerhin einen Ausweichplatz 25 Meilen Richtung Nordosten an, aber das war komplett die falsche Richtung, da ich am nächsten Tag (also heute) ja weiter nach Seattle fahren wollte.

Langer Rede, kurzer Sinn – hier war nix zu holen, ich setzte mich also erneut ins Auto und fuhr von Wenatchee wieder zurück in Richtung Westen, die mitleidigen Worte eines Motelbesitzers im Hinterkopf: „Good luck finding a room this weekend… the whole region is booked out… might have to drive all the way to Index..“ [Schaut Euch das mal auf der oben verlinkten Karte an – das wäre mindestens ne Stunde Autofahrt durchs Nichts gewesen].

Timberline TankstelleUnd in der Tat sah es in den benachbarten Orten Monitor, Cashmere und Dryden wirklich überall mau aus; jedes Motel, an dem ich vorbeifuhr, hatte das „no vacancy“-Zeichen leuchten. Doch dann, auf einmal in Peshastin: Eine schäbbige alte Tankstelle am Wegesrand, ein Schild „Timberline Motel“ – und dort leuchtete „Vacancy“. Hurrah! Ich weiß nicht mehr, ob meine Reifen quietschten, als ich dort einbog, aber es fühlte sich auf jeden Fall so an.

In der Tankstelle arbeitete ein ca. 17jähriger Junge, der schon einen etwas verwunderten Eindruck machte, dass überhaupt jemand dort vorbeischaute. Ich fragte nach einem Zimmer – und er meinte: „Oh, wir sind voll.“ Ich: „Aber draußen steht doch ‚Vacancy'“. Er: „Oh, stimmt, aber das ‚No‘ ist kaputt, wir sind voll.“ Ich (denkend: Schöne Scheiße): „Schade. Naja. Dann hätte ich gern diesen großen Eimer voll mit Kaffee, denn ich muss ja dann wohl noch eine Stunde Richtung Westen, hier ist ja alles ausgebucht in der Gegend.“ Er: „Stimmt, wir haben Oktoberfest in Leavenworth, da buchen manche Leute schon Monate im Voraus.“ Ich: „Na super, ich komme selber aus Bavaria und muss jetzt hier drunter leiden, das ist nicht fair.“ Er: „Oh, aus Germany.“ Ich: „Ja.“ Er: „bla bla bla“ Ich: „bla bla bla“.No vacancy

Mitten in diesen Smalltalk platzte dann eine Kollegin von ihm, die das wohl mitgehört hatte, und fragte, ob ich alleine reisen würde – ja – hmm, ok, weil sie hätten noch ein Zimmer in einem Cafe direkt nebenan, da gäb es zwar keine Dusche, aber es sei alles in Ordnung. Ich dachte mir, dass Anschauen nicht schaden könne – und meine Herren, das war ganz große Klasse: Hinter der Tankstelle war ein kleines Häuschen, das von den Besitzern zu einem Café ausgebaut worden war, mit einem separaten Schlafzimmer und ausserdem einer schönen Terrasse – ich hätte glaube ich in meinem Zustand auch deutlich schlimmere Schlafplätze akzeptiert, das hier war einfach klasse. Noch dazu schien ich Mitleid erregt zu haben, denn in den Übernachtungspreis wurde ruckzuck auch noch ein Sixpack Bier eingerechnet, das ich mir aus dem Kühlschrank der Tankstelle aussuchen durfte. Hurra! Während wir die Formalitäten erledigten, fragte die Frau woher ich denn käme und was mich hier in die Cascade Mountains führe, ob ich Programmierer sei? [Liegt das an der Brille?] – Nein, Researcher, mostly Internet Research – Ah, meinte sie, sie hätte früher lange für Netscape und Ebay gearbeitet, aber seit etwa einem Jahr würde sie mit ihrem Lebensgefährten und dessen Sohn hier oben in den Bergen leben, das sei alles viel entspannter als im Silicon Valley oder in Seattle-Redmond bei Microsoft.

Später, als ich dann mit meinem ersten Bier in einem Schaukelstuhl auf der Terrasse saß und mich darüber freute, was für ein Glückspilz ich doch bin, dass ich jetzt keine Stunde mehr Auto fahren musste, kam sie mit ihrem Lebensgefährten vor dem Haus vorbeigelaufen – sie würden jetzt die Tankstelle für den Abend dicht machen, ob ich noch was brauchen würde – nein, alles ok, hier ist es wunderbar – ja, die Terrasse gefällt ihnen auch, manchmal würden sie hier mit Freunden sitzen und Gitarre spielen oder sich über Motorräder unterhalten, sie seien ja große Motorrad-Fans, und überhaupt sei das Leben hier oben viel entspannter als in der Stadt, sie sei so froh, dass sie nicht mehr in diesem Internet-Business arbeiten müsse, immerhin war sie ja mal ganz tief drin gewesen, Angestellte #10 bei Netscape, damals in den 90er Jahren, als das alles so wild und aufregend war, und sie sei auch ein paar mal in Deutschland gewesen, mit ihrem Ex-Verlobten, aber das war dann immer eher hektisch, nur Flughafen-Hotel-Konferenzsaal-Flughafen, man hätte auch in Japan oder so sein können, aber ihr Ex-Verlobter musste damals viele solcher Gespräche führen, er war ja Gründer von Netscape, Marc Andreesen, vielleicht hast Du den Namen ja schon mal gehört, und sie sei jetzt schon ganz froh, das alles nicht mehr machen zu müssen, und als sie mit ihrem jetzigen Lebensgefährten, der übrigens aus der Gegend hier oben kommt, diese Tankstelle und die kleinen Häuschen gesehen hatte, da war klar, dass sie hierhin ziehen will, und seit einem Jahr oder so machen sie das jetzt, und es ist ganz toll, weil ständig Biker vorbeikommen, und überhaupt, aber jetzt müssen sie weiter, und in die Richtung über die Brücke ist der Ort, da gibt es noch eine Kneipe, einen schönen Abend, und morgen früh nicht wundern, weil hier gibt es Bären, die manchmal bis an das Grundstück kommen, um Beeren zu fressen, und Adler gibt es hier auch und Electric Blue Lizards, und jetzt noch einen schönen Abend.

Ich saß nur da und dachte mir: Was für eine unglaubliche Geschichte – mitten in der tiefsten Pampa sitzt Du nur deswegen auf der Terrasse eines kleinen Häuschens, weil im Nachbarort Oktoberfest ist und das „No Vacancy“-Schild kaputt war – und dann wird das Häuschen von einer Aussteigerin aus dem Internet Business und ihrem Biker-Freund betrieben, die auf der Toilette des kleinen Häuschens Fotos von sich mit Al Gore und Bill Clinton abgestellt hat, weil ihr damaliger Verlobter Marc Andreesen irgendwann Ende der 90er ein fundraiser-Dinner (Eintrittspreis: 15.000 Dollar, wie sie mir heute früh noch erzählte) gab – und dann habe ich aufgehört mich zu wundern und bin in den Ort gelaufen, habe mir in der Kneipe hot wings zu Essen bestellt, zwei Bier getrunken und mir vom Wirt und einem anderen Einheimischen die Feinheiten von NASCAR Stock Racing erklären lassen. Irgendwann muss es mit dem Wundern ja auch mal ein Ende haben.

Das war also die Geschichte, wie ich Elizabeth „Lizzi“ Horn, die Ex-Verlobte von Marc Andreesen kennenlernte (in dieser Biographie sind sie noch zusammen). Schaut mal auf die Webseite ihres Ladens (die nicht sonderlich multimedial ist, weil es oben in Peshastin nur dial-up Internet Access gibt). Falls jemand meiner geneigten Leserschaft mal in der Nähe ist – ich kann einen Abstecher dort nur empfehlen.

Dass ich mich am nächsten Vormittag an einem Ort wiederfand, in dem es u.a. eine „Alpensee Strasse“, „Das Sonnenhaus“, die „Alpenhof Mall“ und „Weidenbörner’s – The best of the Wurst“ gab, zeigt eigentlich nur, wie bizarr die Cascade Mountains so sind – aber die Geschichte erzähle ich ein andermal.

  1. Für alle Nicht-Nerds: Marc Andreesen ist einer der Gründer von Netscape

8 Kommentare

  1. Oh man – das sind ja stories…
    Ich freue mich schon auf Deine Rückkehr & detaillierte Erzählungen! Und: herzlichen Glückwunsch noch zum Relaunch…!
    flo.

    PS: Sieht alles echt schick aus, trotzdem fehlt mir das JungarbeiterInternet. ;-)

  2. ich wusste gar nicht, dass man in kanada links verkehrt. Oder ist der liebe Jan nur dauernd auf der Überholspur gefahren? :)

  3. edith sagt: beim ersten video warste ja gar ned in kanada wenn man der karte glauben schenken darf. also stimmt doch meine theorie mit dem absichtlichen linksfahren :)

  4. Des Rätsels Lösung: zweispurige Interstate Highways, bei denen man gemütlich mit 65 mph auf der linken Spur gondeln kann.. :)

  5. Großartige Geschichte und Glückwunsch zur neuen Website :)

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