Ernennung zum Privatdozenten

Kurz vor Ende dieses wirklich außergewöhnlichen Jahres bekam ich eine sehr erfreuliche Nachricht: Die WiSo-Fakultät der Universität Hamburg hat mich zum Privatdozent ernannt und die Lehrbefugnis für das Fachgebiet „Journalistik und Kommunikationswissenschaft“ erteilt.

Damit kommt ein Verfahren zum Abschluss, das – je nach Perspektive – im Sommer 2020, im Sommer 2018 oder bereits Mitte der 2000er Jahre begann. Rückwärts chronologisch erzählt:

  • Im Juni diesen Jahres fand mein Habilitationskolloquium statt. Es war ursprünglich bereits für das Frühjahr 2020 geplant, fiel aber den ersten pandemiebedingten Einschränkungen zunächst zum Opfer. Im Juni konnten wir es dann (zeitgemäß) als virtuelles Kolloquium nachholen, bei dem ich zum Thema „Wen halten Medien wie, wann und warum zusammen?“ vortrug. Danach war ich habilitiert und konnte den Antrag auf Erteilung der Lehrbefugnis bzw. Ernennung zum Privatdozenten stellen.
  • Das Habilitationsverfahren selbst hatte ich allerdings schon im Sommer 2018 angestoßen, als ich meine kumulative Habilitation zum Thema „Praktiken und soziale Ordnung des Social Web“ bei der Fakultät eingereicht habe. Der „Kumulus“, also die zusammengebundenen Texte, entstanden in den Jahren 2006 bis 2015, angefangen vom Weblogs-Buch über „Das neue Netz“ und daran anknüpfende Publikationen bis hin zu Aufsätzen aus dem Kontext des (Wieder-)Entdeckung des Publikums-Projekts. In der Dachschrift habe ich den Zusammenhang und die zugrundeliegenden roten Fäden dieser Texte näher erläutert; wer sich dafür interessiert, findet unten die ersten Absätze und hier eine Fassung als .pdf.
  • Letztlich reichen also die Ursprünge der jetzt verliehenen Privatdozentur bis in die 2000er Jahre zurück, als ich zwei erfolgreiche Forschungsanträge stellte: Zunächst durfte ich als DAAD-Stipendiat vier Monate in Krems/Wien forschen und empirische Studien zu Weblogs durchführen, die die Keimzelle für das o.g. Buch bildeten. Nach meiner Rückkehr nach Bamberg leitete ich dann zwei Jahre lang mein eigenes DFG-Projekt zu „Praktiken des onlinegestützten Netzwerkens“, das wiederum wesentliche Grundlagen für „Das neue Netz“ lieferte. Und ab 2007 konnte ich diese Arbeiten dann am Hans-Bredow-Institut fortsetzen. (Wer sich das alles etwas ausführlicher anhören mag: In einer Episode des „Forschergeist“-Podcasts habe ich mich mit Tim Pritlove lange über die Entwicklung der sozialen Medien und meine eigenen Forschung unterhalten).

Hier die Einleitung der Dachschrift:

Dieser Korpus versammelt Schriften, die sich mit Praktiken und sozialer Ordnung des Social Web befassen. Sie entstanden zwischen 2006 und 2015, also im Verlauf von zehn Jahren, die einen bemerkenswerten Wandel in den Formen und Folgen digitaler Kommunikation sahen. Bereits in den frühen 2000er Jahren hatten Weblogs, Wikis und Instant-Messaging-Dienste auf ihre jeweils eigene Art und Weise die Hürden dafür gesenkt, dass Menschen im Internet Informationen aller Art zugänglich machen und soziale Beziehungen pflegen können. Ab Mitte der 2000er Jahre traten dann, auch an die wachsende Verbreitung von Smartphones und anderen mobilen Endgeräten gekoppelt, weitere neue Gattungen wie Netzwerk-, Foto- und Videoplattformen hinzu. Das Label „Web 2.0“ etablierte sich rasch als Chiffre für den grundlegenden Wandel in der Funktionsweise des „neuen Netzes“, aber auch in seinen Geschäftsmodellen und Prinzipien der Technikgenese. Das Suffix „2.0“ legte einen distinkten Entwicklungsschritt nahe und drückte nicht zuletzt die Hoffnung auf technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt aus, die der Crash der New Economy wenige Jahre zuvor so herbe gedämpft hatte.

Tatsächlich aber waren eher graduelle Übergänge, inkrementeller Fortschritt und parallele Existenz von bewährten Angeboten und neuen Plattformen zu beobachten. Die Bezeichnung „Social Web“ – wie auch das historisch ältere „Social Software“ oder das aktuelle „Social Media“ – impliziert keine distinkten Phasen des „1.0“ und „2.0“. Stattdessen legt sie Fragen nach der sozialen Prägung und Prägekraft der digitalen Medien nahe: Wie binden Menschen diese in ihren Alltag ein, wie passen Organisationen ihre Abläufe und Strukturen an, und wie verändern gesellschaftliche Institutionen ihre Sinngehalte? Wie jede neue Medientechnologie berührt auch das Social Web somit soziale Ordnung, und zwar im doppelten Sinn des Begriffs: Erstens berührt es soziale Ordnung als Struktur, nämlich ebenjene zumindest zeitweise stabile Konstellation von Individuen, Organisationen und Institutionen, die der Gesellschaft eine Ordnung gibt. Und zweitens berührt es soziale Ordnung als Prozess, in dem Menschen das Gefüge von Individuen, Organisationen und Institutionen stabilisieren, verändern, eben: ordnen.

Dieser Doppelcharakter sozialer Ordnung ist von Anbeginn an Gegenstand der Soziologie – ihre Gründerväter wie Émile Durkheim und Max Weber, aber auch moderne Klassiker wie Pierre Bourdieu oder Anthony Giddens haben sich mit der sozialtheoretischen Frage auseinandergesetzt, wie sich Stabilität und Wandel moderner Gesellschaften im Wechselspiel von individuellem Handeln und überindividuellen Strukturen realisieren. Der Anspruch der vorliegenden Arbeiten ist, diese Kernfrage der Soziologie für einen Teilbereich der Kommunikationswissenschaft zu beantworten, nämlich die „computervermittelte Kommunikation“ bzw. „digitale Kommunikation“. Dies geschieht durch theoretische Überlegungen sowie empirische Untersuchungen, die drei wichtige Bezugspunkte besitzen: Erstens Befunde zur Transformation öffentlicher Kommunikation in den und durch die vernetzten digitalen Medien; zweitens Ge­danken aus der Techniksoziologie, die Software als prägende, zugleich aber auch sozial ge­formte Bedingung des Handelns in digitalen Räumen ansieht; und drittens ein eigenes praxistheoretisches Modell, das Sozial-, Öffentlichkeits- und Techniktheorie verbindet.

(Einleitung zur Dachschrift zur kumulativen Habilitation „Praktiken und soziale Ordnung des Social Web„)

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